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Das Verlieren wagen: Philine Sonny nimmt uns mit auf eine emotionale Reise

Foto: Fabian Süggeler

Philine Sonny will mit ihrer Debüt-EP „Lose Yourself” endlich die Angst vorm Verlieren überwinden.

Philine Sonny, mit bürgerlichem Namen Philine Bernsdorf, ist 20 Jahre alt und stammt aus Unna im Ruhrgebiet. Im Teenageralter brachte sie sich selbst das Gitarre-, Bass- und Klavierspielen bei, nahm Gesangsunterricht und begann damit, ihre Gedanken und Erfahrungswelt in Songs umzumünzen. 2019 wird dann das Mangement und Indie-Label MIGHTKILLYA auf die junge Musikerin aufmerksam, dem Philine heute angehört. Im Handumdrehen formt sich um die Newcomerin ein Netzwerk aus befreundeten Musiker*innen. So begleitete sie beispielsweise M. Byrd im vergangenen Jahr als Live-Mitglied bei verschiedensten Shows.

Wenig später erscheint dann bereits ihre erste Single „Lose Yourself“, der Titeltrack und Opener ihrer nun veröffentlichten Debüt-EP. „Lose Yourself“ ist ein atmosphärischer Indie-Song. Philine selbst beschreibt ihn als Quintessenz ihrer EP wie folgt: „Obwohl ,Lose Yourself‘ einer der letzten Songs ist, den ich für die EP geschrieben habe, fühlt er sich an wie der Beginn von Philine Sonny.“ Logisch also, dass er die wunderbare Debüt-EP eröffnen darf, die folglich genauer unter die Lupe genommen werden soll. Also: Let’s fetz.

Mit „Oh Brother“ folgt direkt im Anschluss der wohl emotionalste und intimste Song der EP. Vielleicht wirkt er auch nur so, weil sich Philine hier nicht hinter der Fassade einer verzerrten E-Gitarre verstecken kann. Denn emotionale Geschichten erzählen alle sieben Tracks, die auf der EP zu finden sind, keine Frage. Doch hier ist nur sie mit ihrer Akustikgitarre zu hören. Das schafft eine Atmosphäre, in der die volle Aufmerksamkeit auf das gelenkt wird, was Philine zu erzählen hat. In Singer-Songwriter-Manier lässt uns die Newcomerin an ihrem Aufwachsen mit ihrem Bruder, der nur etwas älter ist als sie, teilhaben. Singt davon, wie die beiden aufeinander Acht gaben, sich komplettierten und zusammen erwachsen wurden. Es lässt sich erahnen, dass die beiden ein Band verbindet, das nicht einmal der Tod durchtrennen könnte. So pathetisch es auch klingen mag, zitiert Philine ihren Bruder zum Schluss des Songs mit den Worten:

„When everyone dies there’ll still be you and I, always“

Philine Sonny – Oh Brother

Weiter geht’s, zumindest musikalisch, etwas energetischer und nach vorne preschender. „Same Light“ beginnt mit dem Pattern eines Drum Computer-Beats, über das sich sanfte Piano-Akkorde legen, bis schlussendlich im Refrain die anderen Instrumente einsetzen und den Song aufstrahlen lassen. Für mich persönliche zählt „Same Light“ zu einem der Highlights der EP, nicht zuletzt, weil mich das Saxophon Solo im B-Part komplett aus meinen Latschen geschoben hat.

Auch wenn sich die Komposition etwas nach einem locker-flockigen Sommerhit anfühlt, macht der Song ein viel düsteres Thema auf, als man zunächst erwarten würde.

„I fell in love with the morning air in your bedroom / Life felt easy like a billionaire’s / I knew that you would change me / But oh how you have changed me“

Philine Sonny – Same Light

„Same Light“ ist ein Song über das Verbiegen. Darüber, wie man sich immer weiter von sich selbst entfremdet, um einer Person zu gefallen, bis man schlussendlich mit Bedauern feststellen muss, nicht mehr zu wissen wer man eigentlich ist. Und tritt diese Erkenntnis ein, ist das nicht nur sehr betrübend, es ist frustrierend. Passend dazu lässt Philine im Musikvideo ihrem Frust und ihrer Enttäuschung freien Lauf. Mit einer Bodycam umgeschnallt streift die junge Musikerin durch die dunklen Straßen, bis sie schlussendlich mithilfe eines geklauten Golfschlägers die Frontschreibe eines Autos zertrümmert.

Die Musikvideos, wie auch dieses, wurden von dem Künstler*innen-Kollektiv MIGHTKILLYA produziert, aus dessen Hause, wir euch letztes Jahr bereits Newcomer byelian vorgestellt haben.

Wenn Philine Sonny auf ihrer Debüt-EP eines unter Beweis stellt, dann ist es auf jeden Fall ihre Gabe, persönliche Geschichten so nahbar zu erzählen, dass jeder, der ihr ein Ohr schenkt, etwas daraus schöpfen kann. Das perfekte Beispiel hierfür ist der Song „2015“.

Sie selbst sagt über den Song: „Im Sommer 2015 bin ich auf eine Klippe in Norwegen gewandert, ein halbes Jahr nachdem mein Opa an Krebs gestorben war. Als ich von der Klippe über den ganzen Fjord schauen konnte, hatte ich einen Moment der Erleichterung, in dem ich das erste Mal seit seinem Tod wieder ruhig und im Moment angekommen war.“

Und auch wenn der Song von einem ganz bestimmten Moment aus Philines Lebenswelt handelt, zeigt er, wie nah doch Schmerz und Hoffnung beieinander liegen können. Er plädiert dafür, sich daran zu erinnern, dass das Leben irgendwann leichter wird.

Fazit

Philine Sonny schreibt keine Lieder für Gewinnertypen. Ihre Kunst empfängt viel mehr all diejenigen mit offenen Armen, die noch ihren Platz in der Welt suchen, die nicht so recht wissen, wo sie mit sich selbst hinwollen – geschweige denn, wo sie hingehören. Diese Zerrissenheit blitzt immer wieder auf, bis sie schließlich im Song „People“ direkt adressiert wird.

Was am Ende songübergreifend über allem steht ist der Versuch, sich die Angst vor dem (Sich-) Verlieren zu nehmen. Denn wer sich nicht verliert, der kann sich auch nicht wiederfinden. Nach dem Hören liest sich die EP und ihr Titel vielmehr wie ein Aufruf. Wie ein Appell an sich selbst keine Angst davor zu haben, sich auch mal in potenzielle Niederlagen zu stürzen. Denn: die ganze Zeit auf demselben Fleck stehen zu bleiben ist vermutlich ein viel größerer Verlust. Mehr Mut zum Wagen von Neuem scheint die Devise – obwohl es sich manchmal so anfühlt, dass die Welt “no space for us” (aus dem Closer „Postcards for Mom and her friends“) ist, sind wir hier vielleicht doch richtig aufgehoben.