Das Medium zerspringt und „All Reason Departs“: Ein Einblick in Boards of Canadas neues Album „Inferno“

Nach 13 Jahren Funkstille aus dem Studio meldet sich das schottische Duo Boards of Canada mit einem neuen Album zurück: Inferno. Musikalisch bleiben die Band im vertrauten Terrain eines sample-lastigen psychedelischen Soundtracks für eine Welt, die schon längst aus den Fugen geraten ist. Gastautor Richard hatte die Gelegenheit, das vollständige Album vorab im Rahmen einer globalen Veranstaltungsreihe von „Listening Sessions“ anzuhören. 

Boards of Canada sind ein sehr zurückgezogenes Duo, das seit 2001 keine Live-Auftritte mehr gegeben hat. Daher sind die Listening Sessions vermutlich schon das höchste der Gefühle, was man noch erleben kann, das an einen Live-Auftritt der Band erinnert. Die Listening Sessions waren eine Reihe global abgehaltener Veranstaltungen zur Bewerbung des neuen Albums Inferno und fanden am 22. Mai 2026 in Tokyo, Berlin, Barcelona, London, Glasgow, New York und Los Angeles statt. Wir hatten das große Glück, zwei Tickets für den zweiten Durchgang der Listening Session in Berlin zu bekommen. Als wir am Veranstaltungsort, dem Kulturquartier Silent Green im Wedding ankommen, ist der erste Durchgang bereits beendet. Auf dem Rasen vor dem Eingang haben sich schon einige Leute gesammelt. Jemand aus dem ersten Durchgang legt sich allein auf die Wiese und raucht einen Joint, während er in den Abendhimmel schaut und das Album verarbeitet. Während wir warten, läuft ein Mitglied der Musikgruppe Moderat an uns vorbei. 

Dies lässt die Frage aufkommen, wie viel hinter den Kulissen wohl an individueller Lokalisierung der einzelnen Sessions erfolgte. Immerhin ist die Listening Session an den Ort angepasst: Als wir den Raum betreten, sind die Stühle um ein sechseckiges Objekt in der Mitte angeordnet. Dieses sechseckige Symbol ist auch auf diversen visuellen Materialien, die mit dem Release des Albums einher gingen, zu finden. Wir erhalten außerdem jeweils einen Umschlag mit Stickern, Poster, Heft und Schlüsselanhänger, auf denen sich diese Ikonographie mehrfach wiederfindet. 

Der erwähnte Umschlag mit Heft und Schlüsselanhänger

Die Atmosphäre im Raum ist durch das Licht und künstlichen Nebel sakral inspiriert, sie erinnert, wie so viele Details im Katalog von Boards of Canada eher an Kulte und die „satanic panic“ der Siebziger als an eine Kirche. Als es losgeht, beginnt das sechseckige Objekt in der Mitte rotes Licht an die Decke zu werfen. Zusammen mit den anderen Lampen werden nun einige Bilder an die Decke projiziert. Diese ändern sich größtenteils nicht und zeigen meist ein rotes Wabern, nur am Anfang wird ebenfalls das Sechseck und das Logo der Band gezeigt und gegen Ende hellt es sich  nochmal auf. 

Nach der Listening Session versammeln sich Leute um den Projektor

Die ersten beiden Titel des Albums, „Introit“ und „Prophecy at 1420 MHz“ sind bereits vorab veröffentlicht worden. Über „Prophecy at 1420 MHz“ ist schon ein sehr guter Artikel auf dem Substack-Blog „Split Infinities“ erschienen. Der Track enthält ein mit Vocodern verzerrtes Sample einer Vorlesung von 2003 an der Harvard Divinity School namens „In the Beginning Was Consciousness“ von Seyyed Hossein Nasr. 

Nasr rezitiert dort: 

Besonders der letzte Teil, das Stocken bei „c-consciousness“, ist sehr einprägsam. Wie Split Infinities schreibt, „Die Stimme stockt bei dem Wort „consciousness/Bewusstsein“, weil sie es muss. Die menschliche Sprache ist ein verarmter Kanal, durch den das prophetische Signal einen Empfänger erreicht – ein Übertragungsweg, der zwangsläufig zu stark gedämpft ist, als dass die Prophezeiung ihn in voller Kontinuität oder Klarheit durchdringen könnte. Wenn die Stimme das benennt, was sie übermittelt – das Bewusstsein –, beginnen sowohl das Medium als auch die Botschaft zu zerfallen.“ (übersetzt aus dem Englischen). 

Aus heutiger Sicht ist der Unterschied zwischen Prophezeiung und probabilistischer Vorhersage sehr interessant. Vor allem als junger Mensch, jünger noch als die Generation X, der Boards of Canada angehören, hat man zunehmend das Gefühl, keine eigene Wirkungskraft mehr zu haben im Gestalten der Welt. Alles, von katastrophaler Umweltpolitik bis zum Abbau der Sozialwirtschaft, ist immer nur noch die ausgelebte Konsequenz von Entscheidungen und Umständen, die schon lange vor der eigenen Geburt getroffen worden sind. Künstliche Intelligenz in Form von LLMs verstärkt diesen Determinismus nur noch, da sie auch nur auf dem Medium der Sprache und dessen vektoriellen Abstraktionen basiert. Wir können auf Grund von probabilistischen Mitteln recht genau vorhersagen, wie die Zukunft wird, nämlich ein Extrem und eine Verschlimmerung der sichtbaren Tendenzen der Gegenwart, doch ist eben die Zukunft als transzendentales Konstrukt „außerhalb“ der menschlichen Vorstellungskraft verschwunden und nur noch per Prophezeiung zu erreichen, mittels eines Bewusstseins, das sich nicht durch Worte allein repräsentieren lässt. 

Passend hierzu ist auch der Track „The Word Becomes Flesh“, laut Reddit ein Verweis auf Johannes 1,14: „Das Wort wurde Fleisch: Es bezeichnet die Inkarnation – jenen Vorgang, bei dem das ewige göttliche Wort eine physische menschliche Natur annahm, um inmitten der Menschheit zu wohnen“ (übersetzt). Der Track hat eine düstere, bedrohliche Stimmung und enthält am Ende auch einige roboterhaft klingende vocal samples, die das ganze eher in die Nähe von Szenarien wie etwa aus dem Body Horror Film Videodrome rücken, wo das neue Fleisch, the new flesh, aus einem menschengemachten technologischen Medium geboren wird. 

Ein Boards of Canada Fan kommentierte online bei der Ankündigung des neuen Albums, „this timeline still has a chance“, doch lädt das Album gerade dazu ein, sich andere „Timelines“ vorzustellen. Tracknamen in Inferno wie „Somewhere Right Now in the Future“ inspirieren dazu, sich an vergangene Vorstellungen der Zukunft zu erinnern, alternative Timelines zu finden, in denen das „Right Now“ von 2026 ganz anders ist. Es ist diese Dissonanz, die man beim Schauen von 2001: Odyssee im Weltraum vielleicht spürt, wenn klar wird, das die vorhergesagte Mondbasis und interplanetare Raumfahrt natürlich nicht das reale 2001 beschreiben, sondern lediglich im populär-modernistischen Zeitgeist der Sechzigerjahre als realistisch empfunden wurden. Oder, realitätsnäher, der Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte im Jahr 1930, dass wir im Jahr 2030 nur 15 Stunden in der Woche arbeiten müssen, um gut leben zu können. Im Hintergrund der CDU-getriebenen Debatte zur Abschaffung des 8-Stunden-Tags in Deutschland ist dies besonders bitter. Dementsprechend ist „Somewhere Right Now in the Future“ auch nicht viel mehr als ein instrumentaler zweieinhalb minütiger Track der Introspektion, der so wirkt als wolle er sagen „denn sie wussten nicht, was sie tun“. 

Rückseite eines Tokens für die Bestellung eines Inferno Kassettentapes

Ähnliche Verbindungen sind auch bei dem Track „Memory Death“ offensichtlich: Die melancholische Melodie, die gegen Ende immer undeutlicher wird und zerfasert, gleicht einem Schwinden der Sinne, einer Abstumpfung des Bewusstseins. Somit ist eine Empfänglichkeit da für alle falschen Propheten, eine von Boards of Canada empfundene Ignoranz der Menschen scheint hier eine Rolle zu spielen. Nachtrag: Auch die Aneignung des neuen Tracks „Deep Time“ durch die social media Kanäle des Weißen Hauses bestätigt diese Deutung viel mehr als das sie sie durchkreuzt. Diese Art von Blindheit wird auch durch die komplett weißen Augen der Kinder auf den Release-Postern deutlich. 

Die Ikonographie des Inferno Release und der titelübergreifende Stil ist ein Appell an die Erinnerung zu den psychedelischen Potenzialen der Sechziger- und Siebzigerjahre. Es scheint, als wolle Boards of Canada mitteilen, das diese Ästhetik der beste Weg sei, der derzeitigen Timeline zu entkommen. Kapitalistische Kräfte haben diese Ästhetik immer wieder dämonisiert und schließlich aus dem öffentlichen Raum vollständig exorziert. Natürlich sind Kulte wie um Charles Manson richtigerweise durch die Öffentlichkeit als amoralisch und kriminell verurteilt worden, jedoch nahm die „satanic panic“ der Siebzigerjahre teils so absurde Züge an, dass neu aufkommende Spiele wie etwa Dungeons and Dragons als Teufelszeug identifiziert wurden. Passend hierzu ist der Track „Into the Magic Land“, der mit einer einprägsamen Landstreicher/Rattenfänger-von-Hameln-Melodie besticht, die natürlich wie für Boards of Canada üblich elektronisch verzerrt wurde, so dass beispielsweise auch Assoziationen zu den 8-Bit Soundtracks früher Videospiele möglich sind. 

Doch die klare Enttäuschung über die Trajektorie der westlichen Geschichte seit den Siebzigern wird schließlich deutlich in Titeln wie „Naraka“, dem Konzept der Hölle in indischen Religionen, oder auch „All Reason Departs“ und „Arena Americanada“. Geopolitische Spannungen entgleisen in fehlgeleiteten Wahnsinn, der vorletzte, leicht und harmonisch gehaltene Titel „You retreat in time and space“ legen eine innere Emigration der Künstler nah, die sich in Inferno ausdrückt. 

Selbstverständlich enthält Inferno viel mehr Anspielungen und Samples, die in einer einzelnen Listening Session im sakralen Halbdunkel nicht zu erkennen sind. Mit mehreren Durchgängen des Albums wird sich letztendlich zeigen, ob das Album an ähnlich gehaltene Klassiker von Boards of Canada, wie etwa Geogaddi von 2002, herankommt. Ein valider Kritikpunkt ist natürlich, dass der musikalische Stil von Boards of Canada sich in all den Jahren kaum verändert hat, denn schon in Geogaddi waren Anspielungen auf satanische Kulte und die Erfahrungen eines Kindes in einer wundersamen, aber auch verdammten Welt vermittelt worden. Das Verharren von Boards of Canada auf diesem Stil drückt auch aus, dass dies alles ist, was von Psychedelia übrig und relevant geblieben ist. Der transzendentale Zugang zu einer wundersamen Welt jenseits des Kapitalismus ist nur noch im Verharren auf vergangenen Potenzialen möglich. 

„Inferno“ von Boards of Canada erschien am 29. Mai 2026 bei Warp Records.