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Cocktails, Festivals und geklaute Kürbisse: BILBAO im Interview über ihr Debütalbum „Shake Well“

BILBAO (Foto: Daniel Siefert)

Geschüttelt, nicht gerührt: Die Hamburger Indie-Band BILBAO verrät im Interview über ihr Debütalbum „Shake Well“ Einzelheiten zum Entstehungsprozess.

Es ist ein Freitagnachmittag in Ottensen. Die Luft riecht so rein, wie sie nach einem Sommergewitter nur riechen kann, die Straßen sind voll und hinter den Wolken lugt wieder die Sonne hervor. Ich bin auf dem Weg zur Schamotte. Hier werden BILBAO gleich das Release ihres Debütalbums „Shake Well“ feiern. Dort angekommen sitzen Jannes (Bass), Robin (Gitarre) und Jan (Schlagzeug) bereits an einem Tisch und snacken die letzten Krümel von einem Teller, auf dem sich wenige Minuten zuvor mutmaßlich noch ein Flammkuchen befand. Im Hintergrund läuft Reggaeton. Wir warten noch auf Léon, den Sänger der Band. Währenddessen klärt Jannes darüber auf, dass er gehört habe, dass “Sänger” eine Beleidigung sei. “,Du Sänger!’, das ist scheinbar voll die Beleidigung, hab ich so gehört letztens.”, alle lachen. Wenig später trudelt Léon auch auf seinem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster brausend, einhändig, wohlgemerkt (!), ein. Es kann also losgehen mit der Fragerei. Während unseres Gespräch kommen immer wieder Freunde der Band an unserem Tisch vorbei und beglückwünschen zum Album. Einer hat sogar Milchshakes mitgebracht, na wenn das nicht mal ein Service ist!

picky Sofia: “Shake Well” ist seit paar Stunden draußen. Wie habt ihr das Feedback so bisher erlebt?

Robin: Bis jetzt habe ich nur gutes gehört von meinen Freunden und Freundinnen.

Jan: Dito.

Jannes: Ja, voll. Auf Instagram sind auch alle happy, glaube ich, und das ist die Hauptsache.

Robin: Für die Hater war noch zu wenig Zeit.

Jannes: Ja, die Hater kommen erst später. (lacht)

picky Sofia: Wenn ihr aus heutiger Perspektive an den Entstehungsprozess zurückdenkt, was ist dann das erste, was euch in den Kopf kommt?

Jannes: Also ich denke an den aller ersten Lockdown, weil wir da angefangen haben die ersten Skizzen und Demos zu schreiben, die dann auch tatsächlich Songs fürs Album geworden sind.

Jan: Ich fand es auf jeden Fall einen schönen Entstehungsprozess, weil er uns alle durch die Lockdown-Zeit gebracht hat. Es ist rückblickend krass, wie intensiv und schnell das damals ging. Das Album kommt zwar jetzt erst raus, aber wir mussten es wegen Vinyl-Pressung und so wahnsinnig früh abgeben. Das war eine coole Phase, in der man tief in dieses Schreiben eintauchen konnte, weil man keine Ablenkung von anderen Sachen hatte. Das fand ich irgendwie ganz geil.

Jannes: Wann kommt es schon mal vor, dass man überhaupt nicht abgelenkt ist? Das finde ich, ist auch voll besonders an dem Album. Wir haben uns da voll reingeworfen, weil es nichts anderes zu tun gab.

Jan: Die ersten Ideen sind entstanden, als man sich im Lockdown gar nicht richtig sehen konnte. Das heißt im Vergleich zu anderen Bands sind die Songs nicht zusammen im Proberaum entstanden, sondern wir haben uns gegenseitig Ideen rumgeschickt und jeder hat dann an seinem Instrument oder in seiner Rolle etwas neues dazu aufgenommen oder gemacht. Die Ideen wurden dann vervollständigt, als man sich wieder treffen konnte. Das war für uns alle ein relativ neuer Arbeitsprozess. 

picky Sofia: Jannes, du bist auch Produzent der Band. Wie kann man sich die Entstehung eines Songs bei euch vorstellen? Steckt von jedem gleichermaßen viel drin?

Jannes: Wir arbeiten viel mit Samples, durch die wir uns wühlen und gucken was uns dann flasht und worauf wir Bock haben. Léon und ich sind schon immer viel am schreiben und tauchen sehr tief ein aber eigentlich ist die Aufteilung sehr gleichberechtigt und auf Augenhöhe. Jeder bringt seinen Style mit rein, dementsprechend klingt auch jeder Song immer sehr unterschiedlich, weil wir uns nicht auf eine Sparte festlegen. Wir versuchen immer verschiedene Stilmittel miteinander zu verweben – hauptsache es behält diese sommerlich-melancholische Note.

picky Sofia: In eurem Pressetext ist die Rede davon, dass von euren Songs teilweise bis zu 70 Versionen existieren. Wie kommt ihr an den Punkt, einen Song auch mal fertig zu nennen und ihn loszulassen?

Robin: Ich glaube, es ist ganz gut, dass wir dann mal eine Deadline hatten. (lacht)

Jan: Ich wollte gerade sagen, als die Deadline stand, dann war es wirklich vorbei. (lacht)

Robin: Gerade Jannes als Produzent ist der Kleinteiligste von uns. Ich bin teilweise dann schon 30 Versionen vorher ausgestiegen und sage: das klingt doch gut. (lacht) Aber Jannes will dann immer mehr und mehr und das macht es wahrscheinlich auch aus, dass das dieser letzte Schritt ist, der es so geil macht. Aber ohne Deadline könnten wir wahrscheinlich ewig weiter machen. 

Und so sieht das Cover zu „Shake Well“ aus.

picky Sofia: Was symbolisiert der Cocktail auf dem Cover des Albums für euch?

(alle zeigen auf Robin, den Art Director der Band)

Robin: Der Cocktail ist zum einen natürlich die Metapher dafür, dass wir viele verschiedene Musikstile miteinander mischen und zusammen schütteln und dann was neues daraus entsteht, gleichzeitig ist dieser Cocktail ja nicht nur ein normaler Cocktail, sondern eine einsame Insel, die in einem Martini Glas schwimmt. Und diese einsame Insel, auf der immer die Sonne scheint, ist der Ort, an den wir die Zuhörer mitnehmen wollen.

Jannes: Das ist unser Bilbao!

Robin: Das ist unser Bilbao, unsere fiktive Sehnsuchtsinsel.

picky Sofia: Okay, dann lass uns doch mal in ein paar Songs einsteigen. Ich find’s by the way sehr funny, dass euer Opener “Ok, Bye” heißt. Guter Slogan, um ein Album zu eröffnen.

Jan: Danke! (lacht)

picky Sofia: Hab ich geschmunzelt. Naja, auf jeden Fall heißt es in dem Song “We are gonna make a thousand mistakes”. Habt ihr keine Angst davor, Fehler zu machen?

Léon: Generell geht es in dem Song darum, sich in etwas Neues zu stürzen. Wie bei einem Fallschirmsprung, wenn die Luke aufgeht: voll rein da!

Jannes: Der Song baut sich immer weiter auf, bis er explodiert. Das fanden wir einen schönen Start, um in so ein Album reingeschmissen zu werden.

picky Sofia: Kommen wir zu “Parasols“. Das Musikvideo ist sehr humoristisch aufbereitet, im Song selbst hingegen schwingt auch eine ernste gesellschafts-politische Note mit, da er die Klimakatastrophe verhandelt. Wieso benutzt ihr Humor auf visueller Ebene als Stilmittel?

Robin: Wir wollen diese gesellschaftskritischen Themen nicht mit erhobenem Zeigefinger behandeln und das eher leichtfüßig und unterschwellig vermitteln. Da hilft es, auf der Bildebene das ganze eher locker flockig rüberzubringen und erst beim zweiten, dritten, vierten Zuhören darauf zu stoßen, was noch zwischen den Zeilen schlummert.

Jannes: Ironie und Sarkasmus sind gute Stilmittel, um so ernste Themen, mit denen wir uns auch als Privatpersonen befassen, in unsere Welt zu verpacken. 

picky Sofia: “Pizza Boxes” ist ein Song übers Musikerdasein und die damit einhergehenden Struggles, wie zum Beispiel Sprüche, die man sich immer mal wieder anhören muss. Welche Dinge in eurem Alltag als Musiker bestätigen euch denn, dass es die richtige Entscheidung war, sein Leben der Kreativität zu widmen?

Jannes: Southside Mainstage spielen. (alle lachen)

Jan: Was live auf uns zukommt, ist generell eine totale Bestätigung dafür, dass sich das ganze Durchbeißen total gelohnt hat. Für uns ist das immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass das passiert. Auf so großen Bühnen wie beim Southside oder Tempelhof Sounds zu stehen, hätten wir uns vor zwei Jahren nur erträumen können.

picky Sofia: Auf dem Song “Pumpkin” singt ihr davon, einen Kürbis im Supermarkt zu klauen. Blöde Frage, aber warum ausgerechnet ein Kürbis, wenn man doch im Supermarkt so viel zur Auswahl hat?!

Robin: Ja, Léon. Sag doch mal! (lacht) Léon liebt Kürbisse!

Léon: “Pumpkin” ist vor allem ja auch so ein Kosename, deshalb haben wir damit so ein bisschen gespielt.

Robin: Wenn man sein Sweetheart “Pumpkin” nennt, dann passt es doch ganz gut, auch eine Pumpkin Soup mit einem geklauten Kürbis zu kochen. (lacht)

picky Sofia: Könnt ihr eigentlich mit der Zuschreibung “Gute-Laune-Band” etwas anfangen? Ich hab nämlich schon das Gefühl, dass ihr mit euren Songs oft eine Positivität nach außen tragen wollt, ist das so?

Jannes: Ich würde uns jetzt nicht explizit als “Gute-Laune-Band” bezeichnen. Gute Laune, weiß ich nicht, das klingt irgendwie so bisschen…

Léon: ….Wie eine Fasching-Band. (alle lachen)

Jannes: Aber ich würde voll unterschreiben, dass wir positive Musik machen. Ich sag immer gerne sommerlich-melancholisch. Auch wenn es gute Laune ist, versuchen wir die Leute doch immer irgendwie auch zu berühren. Für mich ist unsere Musik sommerlich, leichtfüßig aber auch nachdenklich. 

Léon: Was man gerade nach diesen zwei Jahren Pandemie gebrauchen kann, wir selbst auch, ist gute Laune. Klar, es gibt auch Momente, in denen man sich gerne in so eine tiefe Melancholie reinfallen lässt. Aber wie Jannes schon meinte, sehen wir uns total als Festival- und Live-Band und dann ist es natürlich besonders cool, wenn es positive Gefühle sind, zu denen man sich bewegen und abgehen kann.

Jannes: Während wir Songs schreiben fragen wir uns auch immer direkt mit, wie die auf der Bühne funktionieren können. Bei den meisten Songs, die wir schreiben, schauen wir, ob das live-tauglich ist. Das ist unser Hauptanspruch.  

picky Sofia: Ihr seid auch Musiker in anderen Konstellationen und Projekten. Wie schafft ihr es, euch auf BILBAO zu fokussieren?

Robin: Gutes Zeitmanagement, anders geht es nicht. Aber vielleicht will Janni was dazu sagen, der hat die meisten Projekte (Anm. des Verf.: u.a. Willow Parlo & Monako)

Jan: Ich überlege gerade…Naja, auf jeden Fall habe ich die Kalender-App ganz neu für mich entdeckt, vor allem gemeinsame Kalender! (lacht) Bei mir passiert das mit dem Fokus aber ganz automatisch, wenn man mit den einen Leuten in einem Raum ist oder unterwegs ist, dann bin ich mit meinem Kopf dann auch nur da. Es ist gar nicht so, dass sich das gegenseitig im Weg steht oder so. Wenn wir BILBAO machen, dann bin ich zu dem Zeitpunkt 100 Prozent BILBAO. 

picky Sofia: Wo steht ihr gerade als Band? Auf der einen Seite gibt es auch ja jetzt nicht erst seit gestern auf der anderen Seite habt ihr BILBAO ja quasi in die Pandemie hineingeboren.

Jannes: Irgendwie sind wir schon die Band, die es erst seit gestern gibt. Auch wenn sich das für uns schon länger anfühlt, sind wir immer noch die absoluten Newcomer, wenn wir irgendwo auftauchen. Ich finde diesen Status auch voll okay. 

Jan: Wir haben letztens zum Beispiel zum allerersten Mal als Band eine Clubshow gespielt. Deswegen fühlt sich auch alles noch so neu und frisch an. Wir haben uns noch nicht den Arsch abgespielt, hätten wir super gerne gemacht, aber ging nicht, deswegen fühlt es sich gerade schon wie ein Neustart an.

picky Sofia: Ihr habt die Festivalsaison, die jetzt endlich wieder losgeht, schon angesprochen. Wie war’s denn für euch, die Songs endlich vor vielen Menschen performen zu können?

Robin: Phänomenal, anders kann man das nicht sagen. 

Jan: Das Abgefahrene war ja vor allem, dass da auf einmal Leute stehen, die die Songs kennen! Als wir auf dem Modular Festival waren, konnte die erste Reihe einfach mitsingen. Das war so: holy shit, wann ist das passiert?!

Robin: Woher kennt ihr unsere Musik? (lacht)

Jan: Halt echt. Auf einmal steht man da so am anderen Ende des Landes und es singen Leute mit. Diese direkte Rückmeldung ist ein wahnsinniges Gefühl, vor allem nach so langer Zeit!

Léon: Ich hab auch das Gefühl, dass die Songs mit jedem Gig nochmal eine weitere Eigendynamik entwickeln. Das macht total Bock.

Blank Space à la BILBAO:

picky Sofia: Wie bei jedem Pickymagazine-Interview, gibt es jetzt für euch einen Blank Space, in dem ihr loswerden könnt, was auch immer ihr wollt.

Jan: Ich wollte noch loswerden, dass es total wichtig ist, dass Leute weiterhin auf Konzerte gehen und die Szene unterstützen. Ich hab von vielen Bands und Künstler*innen gehört, dass sie wahnsinnig Probleme haben, Tickets zu verkaufen. Veranstalter werden skeptisch überhaupt Veranstaltungen zu machen. Ich find’s ganz wichtig, dass Konzerte nicht verloren gehen! Für alle Bands ist die Möglichkeit live zu spielen, das Allerwichtigste. Daher: Geht auf Konzerte! Auf unsere, aber auch auf andere.

Jannes: Danke, dass Menschen unsere Musik da draußen hören. Uns ist völlig bewusst, dass es in diesem riesen Äther an Musik, den es gibt, nicht selbstverständlich ist, dass man eine kleine Hamburger Indie-Band supportet. Wir sind selber Fans und Musikkonsumenten und wissen es deshalb voll zu schätzen, wenn Leute Fans von uns sind. Wir sind mega dankbar über jeden, der unsere Songs hört. Also Danke an der Stelle! Und wer Bock auf ein cooles Sommeralbum hat, der soll sich “Shake Well” anhören.

Léon: Und wir gehen auf Tour!

Jetzt in „Shake Well“ reinhören:

Und wer BILBAO auf Tour besuchen möchte, hat in folgenden Städten die Gelegenheit dazu:

21.11.2022 Wiesbaden, Kesselhaus
22.11.2022 Stuttgart, Im Wizemann
23.11.2022 München, Orangehouse
24.11.2022 Köln, Helios37
25.11.2022 Münster, Gleis 22
26.11.2022 Bremen, Tower Musikclub
13.12.2022 Hannover, LUX
14.12.2022 Berlin, Badehaus
15.12.2022 Leipzig, Naumanns
16.12.2022 Rostock, Helgas Stadtpalast
17.12.2022 Hamburg, Molotow