Power Plush auf „Coping Fantasies“ Tour im Molotow – Eine softe Utopie?

Power Plush (Foto: Janine Kühn)

Anlässlich ihrer ersten eigenen Headliner-Tour haben wir Maria und Anja von Power Plush im Molotow getroffen, um unter anderem über ihr Debütalbum “Coping Fantasies” zu sprechen. Wie die Chemnitzer Band an dem Abend eine kleine, softe Utopie in der Skybar des Molotow erschaffen hat, erfahrt ihr hier.

So langsam kehrt der Frühling ein –  zumindest hat man an diesem Samstag bei wohligen 15 Grad und Sonnenschein in Hamburg das Gefühl. Die Mäntel werden wieder gegen Jeans- und Lederjacken eingetauscht. So auch zusehen bei den ersten Konzertbesuchenden, die vorm Molotow eintrudeln, das seine Tore wenig später für gleich zwei Shows an einem Abend öffnen wird: Unten im Hauptsaal spielen The Subways mit Baby Of The Bunch, während ein paar Treppenstufen weiter oben in der Skybar Power Plush mit freundlicher Unterstützung von Sloe Noon zu ihrem “Coping Fantasies” Tourstopp in Hamburg laden. 

Vor gut einem Jahr haben die Plushies, wie sie von ihren Fans liebevoll betitelt werden, selber noch als Support für Shelter Boy dort gestanden. Seit geraumer Zeit ist die Show ausverkauft. Allein beim Gedanken daran bekommt Maria (Gitarre, Gesang), die mir mit Anja (Gesang, Gitarre) im Backstage zwischen Reisekoffern und Gear-Cases gegenüber sitzt, etwas feuchte Augen. “Es wird emotional“, bestätigt sie. “Hamburg war bisher immer gut zu uns, ich hab richtig Bock”, ergänzt Anja, ebenfalls angetan von dem Fakt, was seit ihrem letzten Molotow-Besuch alles passiert ist. 

Dass die Hütte voll wird, bestärkt die Band nicht nur indem was sie macht, wie sie selber sagen, sondern bestätigt es auch. Aber was genau ist denn in der Zwischenzeit passiert? Nach unzähligen Festivalgigs, unter anderem auch auf dem MS Dockville in Hamburg, und Support-Shows für Blond, Kraftklub, Tocotronic und die Antilopen Gang, hat die Chemnitzer Indie-Formation Anfang Februar ihr sehnsüchtig erwartetes Debütalbum “Coping Fantasies” veröffentlicht. Darauf haben sich Anja, Maria, Svenja und Nino ihre eigene softe Utopie aus Watte, Bauschaum und Knete erbaut – die kleine Modellwelt, die auf dem Cover zu sehen und von Anja höchst selbst gestaltet worden ist. 

Und so sieht das Cover zu „Coping Fantasies“ aus

Sie selbst beschreibt diese Welt als einen kleinen Pause-Knopf. Wie ein Safe Space. Ganz weich, fluffy und warm. Ein Ort, an dem man innehalten und sich wohlfühlen kann und an dem man nicht ganz alleine ist. […]” Beim genauen Hinsehen sind die vier auf dem Cover auch selbst als kleine Figürchen zu sehen. “Da können eigentlich noch viel mehr Leute hin. Ich müsste eigentlich so Aufkleber von Freund*innen machen und die alle dazukleben (lacht). Jeder in dieser Welt soll checken, dass man nicht alleine ist.”, sagt Anja über ihr Modell. Es ist “ein Ort, an dem man zusammen zur Ruhe kommen soll” (- Maria). Anjas Modell ist also erweiterbar. Anstatt von Stickern sollen es an diesem Abend jedoch echte Menschen sein, die in diese Welt reingezogen werden. Das wird wenige Stunden später bei ihrer Live Show spürbar. 

Fotos: Sofia Hoffmeister

Doch wann flüchten sich die beiden selbst in “Coping Fantasies”? Vor allem in Momenten, wo es wirklich overwhelming ist, dann geht’s ins Coping“, meint Anja. Maria fügt hinzu, dass Coping zwar wichtig zur anfänglichen Bewältigung von schwierigen Situationen, aber nicht die endgültige Lösung ist: “Wenn irgendwas eine Schieflage bekommen hat, also aus dem Gleichgewicht kommt, dann braucht man erstmal irgendeinen Coping Mechanismus. Beim Album war es uns wichtig, dass wir mit dem Begriff “Fantasies” zusätzlich verdeutlichen, dass es an dieser Stelle kein Lösungsansatz ist. Coping funktioniert ja auf ganz verschiedene Arten und Weisen und deshalb war das eher so für uns die Möglichkeit der Bewältigung in diesem Kontext des Albums.” Also ist das Album selbst auch eine Coping Fantasy? “Schon irgendwie, weil wir ja auch über Themen schreiben, die uns beschäftigen und uns manchmal bisschen überwältigen. Es ist schon eine Art Ventil auf jeden Fall. Deswegen machen, glaube ich, Künstler*innen am Ende des Tages auch Musik oder Kunst: um einen Ausdruck für Dinge zu finden, die man in diesem Moment nicht richtig lösen kann.” (- Anja)

Lösungen für überwältigende Situationen in Momenten des privaten Rückzugs zu finden ist manchmal gar nicht so einfach, Power Plush wissen das. Marias Vorschlag: “Im Kleinen kann man aber versuchen sich private Utopien mit Freund*innen und dem Umgang, den man mit anderen Menschen pflegt, aufzubauen.” In einer Gesellschaft, in der nachhaltige und übergreifende Veränderungen dauern ist das vielleicht die Lösung, nämlich bei sich selbst und seinen Liebsten anzufangen. Darum geht es ein Stück weit auch in dem Albumcloser “Utopia”. “Ich finde es so genial, dass dieser Song existiert, weil er auch zusammenfasst, was das Album für uns bedeutet und was wir uns wünschen, was es für andere bedeuten kann deswegen steht er auch am Ende. Im Grunde ist die Band dieser Raum, in dem wir für einander nur das Beste wollen und wissen, wie wir einander gut tun.” (-Anja)

Ob der Wunsch, dass das Album diese Bedeutung auch für seine Hörer*innen entfaltet, in Erfüllung gegangen ist, sollen andere beurteilen. Feststeht allerdings, dass Power Plush mit ihrem Set alle Anwesenden an diesem Abend warmherzig dazu eingeladen haben, einen Fuß in ihre Welt zu setzen, die während der gesamten Show ebenfalls im Bühnenbild abgebildet war. 


Power Plush zwischen glitzernden Bäumen live im Molotow

Um auf die Frage in der Artikelüberschrift dieses Textes zurückzukommen: Ja, für ein paar Stunden an diesem Abend hatte man das Gefühl, sich in eine softe Utopie begeben zu haben, in eine Welt ausgelebter Sensibilität vielleicht ja sogar die auf dem Cover von “Coping Fantasies”. 

Besucht Power Plush auf ihrer noch laufenden “Coping Fantasies” Tour, wenn ihr könnt. Heute Abend geht es in Leipzig weiter:

16.03.2023 DE – Bremen – Lagerhaus 

17.03.2023 DE – Hannover – Béi Chéz Heinz 

18.03.2023 DE – Hamburg – Molotow 

23.03.2023 DE – Leipzig – Neues Schauspiel 

24.03.2023 DE – Dresden – GrooveStation 

25.03.2023 DE – Berlin – Badehaus

30.03.2023 AT – Wien – B72 

31.03.2023 DE – München – Milla 

01.04.2023 DE – Stuttgart – Im Wizemann 

02.04.2023 DE – Dortmund – FZW 

05.04.2023 DE – Frankfurt am Main -Nachtleben 

06.04.2023 DE – Köln – Jak

“Coping Fantasies” erschien am 10. Februar via Beton Klunker Tonträger.

 

P.S. Hier kommen ein paar letzte ausgewählte Worte von Power Plush an dich:

Wir lieben liebe Menschen! Lieb sein ist wirklich absolut geil. Man muss sich nicht kalt geben, um cool zu sein. Wenn du lieb bist, ist es einfach absolut schön.