Grim104 (Foto: Danny Kötter)
In seinen lyrischen Texten ist Grim104 zwischen der längst vergangenen Jugend im Dorf und den alltäglichen Abgründen Berlins immer wieder auf der Suche nach sich selbst. Im Picky-Interview spricht er über sein neues Album „No Country For Old Grim“, politische Musik in geopolitisch geprägten Zeiten und das Älterwerden als Kind der Rapkultur.
Picky: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Gespräch mit Picky nimmst! Im Musikvideo von „Nie so cool“ stattest du der Kirmes in deinem Heimatort nach vielen Jahren mal wieder einen Besuch ab – und wurdest nicht gerade freundlich empfangen. Wie viel Überwindung hast du gebraucht, dich auf die Bühne im Festzelt zu stellen und was für Reaktionen gab es aus der Heimat nach der Veröffentlichung des Videos?
Grim104: Ich habe allen Beteiligten im Vorfeld zugesagt, dass ich ihnen das Video vor der Veröffentlichung auf jeden Fall schicken würde. Als ich im Nachhinein gemerkt habe, dass sich an dem Abend niemand von seiner besten Seite gezeigt hat – inklusive mir selbst – habe ich aber darauf verzichtet (lacht). Abends war ich total k.o., denn wir hatten an dem Tag ab sechs Uhr morgens gedreht. Wenn sie mich auf Händen durch das Zelt getragen hätten, hätte mir das bestimmt nochmal Energie für zwei weitere Stunden gegeben. Aber dort ausgebuht zu werden, war schon eine spezielle Erfahrung. Ich habe dann nach dem Auftritt schnell zwei Bier getrunken und bin ins Bett gegangen.
Für den Unterhaltungswert des Videos hat es sich gelohnt!
Absolut, das dachte ich auch in dem Moment. Manche haben später gefragt, ob das Video gestaged ist – ich glaube, das wäre gar nicht möglich gewesen. Unser ursprünglicher Plan war natürlich, dass es awkward wird, ein bisschen wie bei Stromberg. Aber mit dieser Reaktion vor Ort habe ich nicht gerechnet.
In deiner Musik beschäftigst du dich schon lange mit dem Kontrast zwischen dem Leben auf dem Land und in der Großstadt. Auf dem neuen Album behandelst du das Thema in ungewöhnlicher Ambiguität. In „Zum Griechen“ liebäugelst du sogar ironisch damit, wieder in deine alte Heimat zurückzukehren. Wie hin und hergerissen bist du derzeit?
Ich habe versucht, mich dieses Mal bewusst Großstadtthemen zu widmen, zum Beispiel in „Haus in Lübars“ und „Schüsse auf den Listenhund“. Aber es stimmt, ganz lässt mich das Dorf nicht los. „Nie so cool“ repräsentiert dieses Gefühl des „nicht hier, nicht da“ ganz gut. Der Song entstand, als ich mal im Sommer zwei Wochen in der Heimat verbracht habe. Eigentlich wollte ich es mir da gut gehen lassen und die Zeit genießen, aber ich habe gemerkt, wie sehr sich meine Maßstäbe und die der Gleichaltrigen im Ort verschoben haben. Wie ich mein Leben gestalte und was ich erstrebenswert finde, finden die bescheuert und unvernünftig. Gleichzeitig denke ich mir oft, wenn ich sie in ihren Kurzarm-Karohemden sehe: viel zu früher Vorgriff aufs Alter! Trotzdem mag ich es nicht, wenn alte Kumpels vom Dorf nach ein paar Jahren in Berlin bei jedem Heimatbesuch provokativ nach Falafel fragen, nur um ihre urbane Verwandlung und ihre Weltgewandtheit raushängen zu lassen.
Das Thema ist gerade wieder sehr präsent. Auf Instagram zirkulieren zum Beispiel Ausschnitte eines Radiofeatures des Autors Tobias Siebert, in dem er seine eigene Jugend und gleichzeitig die NS-Vergangenheit seiner ostwestfälischen Heimat aufarbeitet.
Das habe ich auch gesehen und das ist ein total wichtiges Thema. Mir geht es aber auf diesem Album eher um die persönliche Ebene: Wo gehöre ich hin, wo passe ich hin, wer bin ich? Ich muss sagen: Mein Dorf ist nicht komplett von der Welt verlassen. Ich spüre natürlich eine gewisse Atomisierung. An vielen Stellen werden Mauern hochgezogen: Mit wem spricht man? Über was wird gesprochen? Der Kontrast verstärkt sich für mich auch dadurch, dass ich in Berlin wohne – der größten deutschen Stadt am anderen Ende des Spektrums mit den vielfältigsten und absurdesten Möglichkeiten. Ich glaube aber, es gibt Orte, an denen sich die Entfremdung noch schmerzhafter nachempfinden lässt als in meinem Dorf.
Als Zugezogen Maskulin habt ihr die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland immer sehr pointiert und provokant kommentiert. Mittlerweile sind die Nachrichten besonders von internationaler Politik geprägt. Auf dem Album machst du Andeutungen zu aktuellen Kriegen und Konflikten, zum Beispiel im Titelsong „No Country for Old Grim“. Ist es schwerer geworden, in diesen Zeiten politische Musik zu machen?
Ich finde, dass ich für Grim104-Verhältnisse sehr deutlich bin auf dem Album. In der Vergangenheit habe ich mich eher vage gehalten. Es fällt mir schwer zu sagen: „So, das ist meine unabänderliche Meinung!” In vielen Themen verändert sich meine Haltung im Laufe der Zeit. Schon die wenigen Worte zu den zwei, drei dominierenden weltpolitischen Themen musste ich mir abringen. Ich habe lange daran gefeilt, bis ich das Gefühl hatte, dass sie den Kern meiner Überzeugung treffen. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass ich im weiteren Verlauf dieser Krisen irgendwann denke: Wie konntest du das damals sagen? Es ist schwierig, sich in Musik zu diesen Themen zu äußern. Rap lebt von klaren, zugespitzten Botschaften: „Ich sage euch: Das ist gut, das ist scheiße, kommt auf mein Konzert, kauft meinen Merch…“ Da passen Zweifel nicht so gut rein. Wie alle in meiner Generation habe ich die meiste Zeit in den bleiernen, gemütlichen Merkel-Jahren gelebt. Doch ich habe festgestellt: Seit 2020 hat meine Sehnsucht nach Weltuntergang und Apokalypse ein paar Dämpfer gekriegt. Auf einmal sehne auch ich mich nach ein kleines bisschen Sicherheit – ohne jetzt allzu sehr nach Silbermond klingen zu wollen (lacht).
Auf dem Album thematisierst du nicht nur große strukturelle und politische Themen, sondern wirst auch sehr persönlich. In „Hinter der Tür“ beschreibst du sehr konkret eine Trennungserfahrung. In der Vergangenheit hast du dich mit so privaten Einblicken eher zurückgehalten. Wie kam diese Entwicklung?
Zunächst brauchte es diese tiefgreifende Erfahrung als solche. Ich fand das Genre „Lovesong“ immer schwierig. Meine biografischen Gegebenheiten haben das bisher auch nicht hergegeben. Doch nach der Trennung konnte ich dieses Zurückrechnen auf einmal so gut nachempfinden, wenn Sinéad O’Connor „It’s been seven hours and fifteen days since you took your love away“ singt. Ein halbes Jahr später hatte ich eine ähnliche Erfahrung mit diesem dry-your-eyes-Gefühl, das ich in „Monstera“ beschreibe. Mit der Zeit habe ich gemerkt: Jetzt kann ich in dieser Klarheit die Sprache dazu finden. Das ist ein bisschen wie bei den politischen Themen: Solche Songs kann man nicht am Fließband produzieren. Abgesehen davon: Mein Anspruch war, das krasseste Grim104-Album zu machen, das ich je gemacht habe. Da dachte ich mir: Da muss auch ein Lovesong drauf. Zeitlich hat es sich angeboten.
Ehrliche Einblicke gibst du auch in deine Gedanken zur Musikindustrie, zur Entwicklung von deutschem Rap und zum Stand deiner Karriere. In der Vergangenheit hast du mal gesagt, dass du mit deiner Rolle als Rapper haderst. Wie ist dein aktueller Beziehungsstatus zur Rapkultur?
Ich habe meinen Frieden gefunden mit meiner Rolle als Rapper und mit dem äußeren Umstand, dass das die Kultur ist, aus der ich komme. Ich liebe es nach wie vor mit allem, was dazu gehört – trotz all dem Quatsch, der im Deutschrap ständig passiert. Man muss neue Rollen finden, wenn man in einer Jugendkultur älter wird. Benno und Zah1de werden mich wahrscheinlich nicht mehr im Backstage erkennen – wenn es überhaupt noch Gelegenheiten gibt, wo es dazu kommen könnte, dass ich im Backstage auf die beiden treffe.
Andere steigen irgendwann auf die Nostalgieschiene um…
…und das sehr erfolgreich! Frag mich in zehn Jahren nochmal, wenn ich auf der Königsklasse-Jam die alten Gassenhauer bringe und rufe: „Wer von euch kennt noch Frosch?” (lacht). Nichts gegen die Leute, die dort auftreten, aber für mich ist das Katalogpflege. Man kann damit Geld verdienen, aber ich bin dafür noch zu kreativ. Ich habe einfach Freude daran, mir neue geile und absurde Sachen auszudenken. In den USA gibt es einen Menge Rapper, die die magische 30 oder 35 überschreiten und weiterhin kreative, spannende und relevante Musik machen: Juicy J, Jay-Z und viele, viele mehr. Die Zeiten, in denen ich über den ersten Sommer in der Stadt und den Abiball rappen kann, sind vorbei. Aber natürlich hört das Leben mit 35 nicht auf, spannend zu sein – ganz im Gegenteil. Es passiert viel, woraus ich neue Songs machen kann.
Denkst du trotzdem manchmal auch über andere künstlerische Darstellungsformen nach? Kommt irgendwann das Grim104-Buch?
Ja, ich denke darüber nach, aber das wären für mich eher Side-Projects. Wahrscheinlich könnte ich ein Buch schreiben, das im letzten Sommer auf dem Dorf spielt und dann passiert etwas ganz Schreckliches… Aber irgendwie reizt mich der Coming-of-Age-Roman nicht so. Ich glaube, mir fehlt noch diese eine Idee. Leider habe ich auch noch keinen fetten Vorschuss von einem Verlag bekommen, das würde die Motivation deutlich steigern… Aber im Ernst: Am meisten Freude macht mir nach wie vor die Musik.
Vielen Dank für das Gespräch!
