Eiskratzer #5: Samples – Der musikalische Convenience-Store

In der fünften Ausgabe des Eiskratzers leistet Arthur sich einen kleinen crashout. Sabrina Carpenter und Fred again.. sind schuldig im Sinne der Anklage, heute wird mit der Welt der digitalen Sample-Datenbanken abgerechnet. Warum sogenannte “royalty-free”-Samples ein ernstes Problem der Musikbranche sind und warum nicht alle Tracks urheberrechtlich gleich behandelt werden können, erfahrt ihr im Artikel. 

Kennt ihr SSL_115_lofi_melody_loop_more_beautiful_D.wav? Nein?

Ich glaube doch. Es ist das Sample, was “ten” von Fred again.. so ätherisch und schwebend klingen lässt. Es ist kurzum die gesamte Melodie des Liedes. Natürlich sind da noch Vocals, Drums und ein Bass. Aber der Löwenanteil ist ebendieses Sample. Es stammt aus den Händen des UK-Produzenten Capsun. Offiziell heißt es auf seiner Website: “Songs featuring Capsun samples have gained over a billion streams, with artists such as Kendrick Lamar, Post Malone, Doja Cat, Logic, Kehlani, Stormzy, Fraser T. Smith, Dave & many more. His original sample and music libraries are used daily by Grammy award-winning producers, leading electronic musicians, and underground beatmakers alike”.

Ich hätte noch Beispiele für die nächsten zehn Seiten, glaubt mir. 

Splice, eine Online-Datenbank für Samples (denen auch ich über die letzten Jahre einen halben Kleinwagen an Mitgliedsbeiträgen gezahlt habe), sind mit über 2 Millionen Samples die erste Anlaufstelle für Produzenten aller Genres. Als ich 2019 noch dachte, ich werde Produzent, bin ich hier mit Pfeiltaste nach unten tausende an Samples durchgegangen, um damit auf Soundcloud bahnbrechende 120 Klicks zu erreichen (die Hälfte war ich selbst). 

No bragging, aber ich bin ein passabler Drummer. Einmal kurz das Drumpad anschließen, einmal das USB-Kabel herauskramen, dann hätte ich mir selbst wahrscheinlich einen passablen Beat zusammengezimmert. Aber warum selbst kochen, wenn es TK-Pizza gibt. Und am Ende schmeckt es ja auch. 

Und so beginnt das Problem. Weiß ich, woher das Splice-Profil “BestSoundsFX” die Samples hat? Sitzt da jemand an einem Synthesizer oder stammt das Sample von der Testpressung von irgendeinem unentdeckten Artist aus einem anderen Kontinent? Oder kommt das Sample von einer generativen KI? Was ist, wenn irgendwann das Sample vom Sample zum Sample wird? Wer weiß, ob “woman_melodic_a#major” wirklich Kohle für die gesungenen Inhalte gesehen hat?

Hier wird es ziemlich nebulös. Alle Samples von Splice sind offiziell “royalty-free”, hier könnte also kein*e noch so fähige Star-Anwält*in auch nur einen Cent herausklagen. Und im Fall von “Espresso” von Sabrina Carpenter (oder sollte ich sagen: OLIVER_104_pop_loop_surf_dad_rhythm_lead_C.wav) mehrere Millionen. 

In Zeiten, in denen unabhängige, kleinere Artists sich durch Bullshit-Gebühren seitens Ticketgiganten kämpfen müssen, um an Ende an einer Europatour verschwindend gering zu verdienen, sendet das Arbeiten mit Breitband-Samples von Splice eine unschöne Message. 

Ich kann jetzt sofort fünf extrem talentierte Gitarristen aus meinem Umfeld nennen, die “Espresso” genau so schön, wenn nicht kreativer hätten begleiten können. Die mit auf Tour geflogen wären, am Ende mitverdient hätten, und urheberrechtlich beteiligt wären. Aber es klatscht auch das ganze Red Rocks mit, wenn Carpenter mit Playback oder hinter Moltonstoff versteckter, anonymer, eingekaufter Band auftritt. 

Sampling an sich ist der Hit, do not get me wrong. Dieses Gefühl von “Warte mal, das kenn ich” in eine Recherche auf whosampled.com umzuwandeln und am Ende Recht zu haben, ist supertoll. Und Genres wie Hip-Hop würden ohne Samples in sich zusammenstürzen.

“Keep Music Human” ist eben nicht nur das Verbannen der KI aus Produktion, Arrangement und (pfui) Vocals, sondern auch das gute alte Prinzip der Band. Freund*innen, Instrumente, Tourbus und Stagefright anstatt frankensteinartig zusammengewürfelte Samples. Es ist doch einfach ein gutes Stück ehrlicher, nach 6 Stunden Jammen den Proberaum zu lüften und einen Döner essen zu gehen, um dann zusammen von ausverkauften Hallen zu träumen, anstatt einen Song bestehend aus der rein digitalen Sample-Welt zurück in die digitale Streaming-Welt zu entlassen.