Die Zeit atmen: Ein Gespräch mit Apollo Online

Apollo Online (Bild: Kristina Wolf)

Zwischen dem fast schon übersättigten, verwaschenen deutschsprachigen Musikmarkt liefert Apollo Online unvermittelte Klarheit. Im Gespräch mit Picky Elena erzählt der Musiker hinter dem Projekt von seiner musikalischen Sozialisierung, dem Schaffensprozess seiner Kunst und seinen Enttäuschungen.

Wenn ich das Wort Apollo höre, dann denkt mein Kopf zuerst an die Band Apollo 3 aus den frühen 2000ern mit dem Song „Superhelden“. Damals große Musik für mich, wurde der Begriff in meinem Kopf vor einiger Zeit aber nochmal neu verknüpft – nämlich mit der Musik von Apollo Online. Aktuell ist das Musikprojekt aus Köln noch wie ein unbekannter Schatz, von dem man beim Hören aber schon weiß, dass dort noch Größeres schlummert und auf Apollo Online wartet. Das hat Sam – Kopf hinter Apollo Online – zuletzt schon beim c/o Pop Festival in Köln bewiesen. Ein Heimspiel für Apollo Online, denn Sam lebt schon sein ganzes Leben in der Domstadt. 

Genau dort beginnt auch die musikalische Reise von Apollo Online. Bereits in jungen Jahren fing er in Köln an, sich der Musik zu widmen. Im Interview erzählt er davon, schon in der Schulzeit in verschiedensten Bands zu sein. Danach ging es für ihn weiter als Singer-Songwriter, Musical Director bei Live-Shows und Producer. Mittlerweile ist er auch immer noch als Produzent tätig, aber eben nicht nur für andere Artists, sondern auch für sich selbst. Denn für sein eigenes Projekt Apollo Online brauchte Sam einfach nur eine Reise nach Frankreich mit seinem gesamten Musik Equipment im Gepäck. „Mit allem musikalischen was ich hatte“ hat er dort drei Wochen verbracht und sich auf die, wie er sagt, „klassische Soundsuche“ begeben. Was dabei rausgekommen ist, könnte nicht schöner sein und nicht besser klingen. 

Im August vergangenen Jahres erscheinen mit „Torkeln, schreien und rauben“ gleich drei Apollo-Online-Tracks. Die ersten Songs geben dabei schon einen ziemlich geschliffenen Ton vor, der sich mit den darauf folgenden Liedern bestätigt und noch mehr verfestigt. Im ersten Schritt sind Apollo Online mehr an Melodie und Klang interessiert, denn „in den ersten Stunden schon 70 Prozent der Musik zu haben, weil da alles schon aus einem Guss ist“ ist dabei eine entscheidende Schnittstelle in Sams Prozess beim Songschreiben. Dabei entdeckt er die Emotionen, die seine Musik bei Hörer*innen auslösen soll. Ein anderer zentraler Grund ist seine Muttersprache Englisch. Denn auch wenn er nicht auf Englisch singt, prägt die Sprache dennoch den Klang seiner Lieder. „Mir ist sehr wichtig, wie der Rhythmus und die Betonung gesetzt sind, bei denen es in der deutschen Sprache oft holprig und verkantet klingen kann. Da gebe ich einfach sehr viel Energie, wenn ich die Melodie und diese Phossierung hab.“ Sobald dieses musikalische Gerüst steht und sich die Melodie abzeichnet, können die Impulse gesetzt werden, die Apollo Onlines Musik so einzigartig machen.

„Arrangements, Instrumente einspielen, kommt einfach natürlicher“

Die Songs „Mr. Moralapostel“ und „Hülle“, Teil vom ersten Release-Trio „Torkeln, schreien und rauben“, sind vielschichtig, direkt und erzählen Geschichten, in denen man sich beim Hören trotz spezifischer Szenarien selbst wiederfinden kann. Der Sound ist facettenreich, upbeat und erinnert auch ein wenig an verträumte 2000er Klänge im Wir-sind-Helden-Stil. Das darauffolgende Trio „Nichts zu fühlen und viel zu sehen“ ist dagegen reduzierter und Apollo Onlines Gesang steht mehr im Vordergrund. Die Songs „Was Wir Sind (AWOL)“ und „Immer Nur Wir Zwei“ stützen sich lediglich auf simple, aber detaillierte Gitarren, während „Wartest Nicht Mehr Lang“ von sanftem, zugleich eindringlichen Klavier begleitet wird. Es sind die intensiven Gefühle, die Apollo Online dort so roh und ehrlich einfangen können. Einflüsse, die die Apollo-Online-Musik heute noch prägen, sind dabei Größen wie die Beatles oder Stevie Wonder. “Die Beatles auf jeden Fall, weil da akkordisch immer sehr viel passiert und so Arrangement mäßig und die Instrumentierung, das beeinflusst voll meine Produktion. Ich glaube nicht das meine Songs unbedingt wie die Beatles klingen, aber das, was sie gemacht haben, hat mich sehr beeinflusst.“ Aber auch die Herangehensweise von „Bleachers, The 1975 und Jack Antanoff, auch als Producer, haben mich voll geprägt im Bezug aufs Produzieren. Weil ich das Gefühl habe, dass er technisch sehr versiert ist, aber „fuck around and find out“ und eben auch dieses Bauchgefühl-Ding einfach sehr lebt und das finde ich super cool, das es in diesem Kosmos auch so ein Standing hat.“ führt Sam weiter aus.

Ehrliche Klarheit mit Apollo Online 

Mit dem zuletzt erschienen „Der Weg Sich Teilend“-Trio bekräftigen Apollo Online ihre Klangvielfalt. Sie schaffen mit ihrer Musik eine Klarheit, die auf dem deutschen Musikmarkt gerade ein bisschen fehlt. Für Apollo Online sind dabei Fragen wie „Was hat mich denn schon immer berührt“ und „Was hab ich in meiner Jugend, in meiner Kindheit gehört, was mich dann immer so krass fühlen lassen hat“ ein wesentlicher Teil im Entstehungsprozess der Kunst und mit Grund dafür, dass der Sound nun so klingt wie er klingt. Dieser Anspruch kommt dabei nicht von ungefähr, denn die Art, Musik so wahrzunehmen, kommt von seiner Mutter, wie er erzählt. „Sie hat mir voll beigebracht, wie man Musik fühlt und warum Sachen so schön sind. Das hat sich so eingeprägt, dass wenn ich Ideen habe, ich dann nach dem Gefühl suche.“ Und für Sam ist dieser entscheidende Teil die Instrumentierung: „ Ich höre dann, es muss das und das da sein. Es ist mehr oder weniger Erfahrung.“ 

„Ich mag meinen Taste und ich geh dem nach“ – Der eigene Geschmack darf dann natürlich auch nicht zu kurz kommen. Im Interview erklärt Sam mir: „Ich hab irgendwann gelernt, man kann technisch unnormal gut sein, man kann technisch total scheiße sein, letztenendes gehts um Bauchgefühl und das ist dein Taste. Dein Taste ist halt das, was deine Musik irgendwie interessant macht. Wenn dein Taste schlecht ist, ist deine Musik einfach schlecht. Das ist auch nicht schlimm, nicht jeder Mensch kann guten Taste haben.“ Bei Apollo Onlines Musik darf, neben Taste, aktuell zumindest auch kein Text fehlen. Vielleicht auch gerade weil „das Natürliche die Musik ist und der Text dann die Überlegung und Reflektion.“

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Dabei decken Apollo Online thematisch mit neun Songs auch schon einiges ab und wirken nicht festgefahren in ein Thema. Während sich „Mr. Moralapostel“ noch um Aufwachsen und Rollenbilder dreht, liefert „Was Wir Sind (AWOL)“ mit Zeilen wie „Alles hassen ist so leicht, kämpfe ständig gegen diese Dunkelheit“ eine Perspektive auf vermeintliche Aussichtslosigkeit. Auf „Der Weg Sich Teilend“ wird das Gefühl vertont, die Wahl zu haben, ohne sie tatsächlich zu haben: „Du hast jetzt zwei Optionen, aber irgendwie hast du auch gar nicht die Option zu wählen.“

Musik für Hirn und Herz

Für mich verpackt die Musik dabei vor allem auch eine Art Coming-of-Age-Sound. Apollo Online stellt dabei im Interview auf: „Das ist natürlich die prägsamste Zeit im ganzen Leben, es gab so verschiedene Phasen, wo man sich so sehr gut oder sehr schlecht gefühlt hat während der Schule zum Beispiel.“ Und diese durchlebten Etappen spiegeln sich so auch in den Texten wider. „Ich war acht als ich zum ersten Mal spürte, eine Wut die zu blauen Augen führte, wie er beispielsweise auf „Mr. Moralapostel“ singt oder „Geladene Realität, die Patronen tuen so, so weh/ Suche Schutz hinter Banalität, weil alles gegen meine Fantasie geht“ auf „Alles Anders Als Gedacht“. Es ist nicht nur Musik, die einfach mal nebenbei läuft und irgendwo im Hinterkopf versickert. Sondern Musik, die mehr in Hirn und Herz auslöst, als auf den ersten Blick vielleicht scheint.

Was Apollo Online mit ihrer Musik und den Texten macht, ist eigene Gedanken Prozesse anzustoßen. Die Songs sind komplex und berühren auf einer tieferen Ebene, die Belanglosigkeit hinter sich lässt. Denn der Überfluss an Musik auf dem aktuellen Markt sorgt auch dafür, dass weniger tiefgründige Musik, wie Apollo Online es auch im Interview  benennt, „Lifestyle-Musik“, immer dominanter wird. „Das hat alles seine Daseinsberechtigung, aber da wird eine Form an Leben verkauft mit Musik und für mich ist einfach Musik so wichtig, dass ich das nicht mag.“ Weiter erklärt Apollo: „Da wird einfach nichts gesagt, immer dasselbe gesagt, es sind immer die gleichen Schematas, immer dieselbe Wortsetzung, immer dieselben Reime. Ich kann das nicht mehr hören und ich kann’s auch nicht mehr sehen und deswegen versuche ich was ich eh schon selber mag, aber dann auch noch den Anspruch zu haben „Okay, aber ich benutz nicht das Wort, ich mag dieses Wort nicht, das kommt nicht in meinen Texten vor“, der Text ist mir schon sehr wichtig.“ Apollo Online kam in unserem Gespräch zuletzt auch zu dem Schluss, den Fans schon auf seinem Song „Taxi“ hören konnten: „Es ist sowieso egal“. Denn während alle vom nächsten viralen Moment, Hype generieren und Zahlen reden, ist für ihn „alles up in the air“. „Deswegen mache ich diese Dreier-EPs. Ich könnte auch Singles ballern, aber wenn es sowieso egal ist, dann mache ich lieber das, was mich künstlerisch interessiert.“

“Debüt-Köln-Konzert bei der c/o Pop – Let’s Go!“

Dass Sam diesen Anspruch an sich selbst auch bei seinen Auftritten lebt, konnte ich bei seinem Konzert in Köln erleben. Dort haben Apollo Online ihre Musik auf dem c/o Pop Festival in der Heimat debütiert – samt Schlagzeuger, Bassist und Fernsehern auf der Bühne. Mit dem Mix aus groovigen Moves zu den poppigeren Songs und den Momenten der Tiefe wurde der Abend gefüllt. „Atme die Zeit die schon verloren war, ich lasse dich fallen, doch du bist immer noch da“ singen Apollo Online bei „Atme die Zeit“ und erschaffen einen Augenblick zum Innehalten, den wir alle in den manchmal hoffnungslos erscheinenden Zeiten gebrauchen können.

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Für den Verlauf dieses Jahres gibt es für Fans wie mich trotzdem Grund zur Hoffnung und Freude. Denn Apollo Online werden auf jeden Fall neue Musik veröffentlichen, von der es bei dem Köln-Konzert auch schon manches zu hören gab! Im Interview erzählt Sam weiter, nun erstmal so viele Konzerte zu spielen wie es geht, denn die Lust seinen Hörer*innen gute Performances zu liefern hat sich verfestigt. Die sogenannte Pipeline ist voll mit neuer Musik, die praktisch nur noch wartet, released zu werden. Und diese Zeit können sich Fans mit den bisherigen Tracks verschönern.

Hier könnt ihr in die Musik von Apollo Online hineinhören:

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