Back to the roots – gibt es einen Weg raus aus der Streaming-Hölle?

Foto Ennio: Jonas Raum, Foto LGoony: Annika Yanura

Für uns mittlerweile ganz selbstverständlich: Musik hören, wann wir es wollen, wo wir es wollen. Um Hörer*innen diesen „Komfort“ zu ermöglichen, müssen aber genau die Leute verzichten, die uns überhaupt an ihrer Kunst teilhaben lassen. Gibt es dafür überhaupt einen Ausweg und wie sind wir dort überhaupt gelandet?

„Macht der Beruf Musiker noch Sinn?“ Der Rapper LGoony veröffentlichte vor kurzem ein Video auf Instagram, in dem er seinen Fans einen Einblick in die traurige Realität des Musiker-Daseins im heutigen Zeitalter gibt. Simpel gesagt: Der Rapper weiß nicht, ob und wie lange er noch Musik machen kann. In seinem Video erklärt er nämlich, wie hart es für Kunstschaffende tatsächlich ist, einfach nur ihre Kunst zu machen. Dabei geht es nicht nur um die Vergütung von Anbietern wie Spotify, sondern auch um die Mittel und Wege, die Artists heutzutage mehr oder weniger nutzen müssen, um auch nur in die Sphären einer angemessenen Bezahlung zu kommen. Von Instagram-Bildkacheln bis hin zu TikTok-Marketing-Strategien, geht es hier vor allem um die kleineren Künstler*innen, die dafür sorgen, dass sich User:innen einer diversen Musiklandschaft erfreuen können.

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Auf Instagram erklärt LGoony weiter: „Ein Stream bei Spotify bringt 0,3 Cent. Das heißt, wenn man eine Stunde lang einen Artist hört, dann kriegt man sechs Cent. Bis man auch nur einen Euro für den Artist generiert, dafür muss man schon über 15 Stunden lang nur die Musik von diesem Künstler oder dieser Künstlerin hören. Das ist sehr, sehr viel.“ Für die meisten dürften das vermutlich keine bahnbrechenden Erkenntnisse sein. Denn irgendwie wissen wir es doch alle. Spotify und Co. beuten Künstler*innen aus, gleichzeitig werden die Tarife immer teurer und die App, zumindest Spotify, finanziert durch unsere Abos militärische KI-Unternehmen. Und trotzdem überwiegt der Komfort. Die Zugänglichkeit zu praktisch aller Musik von Artists rund um die Welt. Aber das ist nicht alles. Damit die Artists genügend Streams generieren können um davon im besten Fall leben zu können, braucht es Reichweite und eine Hörer*innenbasis die Songs genug streamt. Stichwort Social Media. 

Wie LGoony selbst erwähnt, geht mit dem Musiker*innen-Dasein heutzutage mehr einher als einfach nur eine Leidenschaft für Musik. Was früher sowieso auch schon Teil der Branche war, ist heute vermutlich der essentiellste Bestandteil für nachkommende Artists. Denn im digitalen Raum müssen alle Mittel genutzt werden, um das Produkt Musik an den Markt zu bringen. Da hilft es natürlich nicht, dass die Plattformen Instagram und Tiktok selbst Nutzenden neue Hürden in den Weg stellen. Unfaire Algorithmen und das absolute Überangebot an Content machen es Menschen, die einfach nur ihre Musik teilen wollen, nicht leicht in der Masse an Inhalten herauszustechen, um dann tatsächlich Hörer*innen zu erreichen. Artists müssen also nicht nur Musik machen, sondern sich auch noch an der Vermarktung der eigenen Kunst abarbeiten. Hier helfen Streaming-Anbieter ja manchmal tatsächlich auch. Wenn in kuratierten Playlisten auch mal die Newcomer*innen platziert werden und so für eine neue Hörer*innenschaft sichtbar bzw. hörbar werden. Aber das gleicht im Großen die Ausbeutung nicht aus und macht die Imbalance und vermeintliche Abhängigkeit von Artists zum Streaming nur noch mehr deutlich. Klingt nach einem Teufelskreis.

Ausweg oder Pipeline zur Ausbeutung?

Aber wie sind wir überhaupt an diesem Punkt gelandet? Anfangs schienen Streaming-Dienste und dabei insbesondere Spotify wie die tröstende Rettung für Musikschaffende. Die Netflix-Serie The Playlist aus 2022 gibt dafür mehr Einblick, denn sie beleuchtet die Entstehungsgeschichte von Spotify kritischer und zeigt die Probleme, denen Musiker*innen in den Zeiten vor Streaming ausgesetzt waren. Diese beinhalten dabei vor allem illegale Downloads, an denen weder Label noch Artists Geld mit der eigenen Musik verdienen. Spotify-Gründer Daniel Ek will dem mit seiner App-Erfindung 2006 gegensteuern. Damals scheint die Idee von Ek der Ausweg schlechthin zu sein. Zugang für alle Musiker*innen, einfache Distribution an Hörer*innen und bei App-Launch in 2008 noch umsonst und zunächst nur auf Einladung in ausgewählten europäischen Ländern verfügbar. Über die Zeit hat sich Spotify nun aber zu einem der Streaming-Giganten entwickelt, der nicht mehr die Interessen der Künstler*innen im Blick hat, sondern in erster Linie Millionen an Geld in die falschen Hände fließen lässt.

Auch Low Budget kostet Geld

Was mit der Entwicklung von Spotify auch einhergeht, ist unser Verständnis oder eher das Detachement davon, was Musik tatsächlich wert ist. Denn auch wenn man beim Hören nicht konstant an die Kosten-Nutzen-Rechnung der Musiker*innen denkt, gibt es diese ja trotzdem. LGonny erklärt in seinem Video: „Musik kostet in der Herstellung Geld“, auch wenn sie Low Budget wie bei ihm selbst entsteht, „ein Song kostet ein paar hundert Euro“. Mit der Vergütung braucht man daher, um als Artist auf Null rauszukommen, über 100.000 Streams. Musiker*innen, die über 100.000 Streams mit ihren Songs generieren, gehören aber zur absoluten Spitze aller Musiker*innen. Das bedeutet, im Umkehrschluss mit Musik Minus zu machen. 

Das stellt am Ende die Fragen: Wer kann es sich überhaupt leisten, Musik zu machen? Und von wem hören wir letztendlich noch Musik? Denn wenn sich die Kunst so sehr am eigenen Reichtum abzeichnet, verlieren Menschen die Chance auf Sichtbarkeit und die Musik letztendlich ihre Integrität. Also alles in allem, sehr deprimierend. Aber vielleicht gibt es noch die Chance auf einen Ausweg.

Gibt es einen Weg hier raus?

Musik hören passiert natürlich nicht nur über Streaming. Auch Schallplatten, CDs und Konzerte finden den Weg in die Ohren der Hörer*innenschaft. Und auch mit Merchandise können Musiker*innen Geld verdienen. Aber Streaming bleibt aktuell die einfachste und für Konsument*innen günstigste Möglichkeit Musik zu erfahren. Bis es wirklich wieder ein größeres Umdenken zum Zugang und der Verfügbarkeit von Musik gibt, dauert es vermutlich noch ein bisschen. Aber mittlerweile steuern Artists dem Streaming-Terror auch selbst gegen. So wie der Indie-Musiker Ennio. Sein drittes Album „HAIFISCHBECKEN“ veröffentlichte der Münchner Anfang April nicht auf den üblichen Streaming-Plattformen, sondern mithilfe einer Mini-CD samt NFC-Chip, über die Fans direkt Zugriff auf die Songs haben. Im direkten Dialog mit seinen Fans ist Ennio zu dem Schluss gekommen, seine Musik soll seinen Fans gehören. „Ich möchte, dass ihr mein persönlichstes Album bisher wirklich besitzt. Ihr habt es offline auf euren Handys, das heißt ihr könnt es runterladen, ihr könnt es euren Freundinnen und Freunden airdroppen, ihr könnt es remixen, ihr könnt damit machen, was ihr wollt, go crazy”.

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Weiter erklärt er, dass er schon im Albumprozess gemerkt hat, dass es für ihn nicht sein kann, Musik für einen Algorithmus zu machen. Und damit teilen Ennio, LGoony das Schicksal vieler anderer Artists, die sich nicht mehr dem digitalen Rhythmus beugen wollen. „Diese Musik ist für euch und das Album soll leben“, erzählt Ennio weiter und dürfte damit den Kern des Musikmachens nicht besser auf den Punkt bringen.

Ob dies letztendlich wirklich die Lösung ist, um dauerhaft einem Streaming-Giganten den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist wahrscheinlich Wunschdenken. Die Möglichkeit, einen Weg wie Ennio einzuschlagen, bleibt vorerst bereits etablierten Artists vorbehalten. Denn kleinere Musiker*innen können sich die Investition in mehrere physische Produkte oftmals nicht leisten und müssen sich so im digitalen Raum durchschlagen. Alternativen zu Spotify gibt es inzwischen genug, aber auch hier hält uns oftmals der Komfort zurück und wir wollen uns den Wechsel zu einem anderen Anbieter wie Bandcamp ersparen. Dennoch kommt die Sehnsucht nach physischen Produkten wahrscheinlich nicht von ungefähr. Das wir ein Album tatsächlich kaufen und im Schrank stehen haben können, genauso wie die Erinnerungen an Konzerte und echte Interaktionen in der „analogen“ Welt. Vielleicht übertrumpft das am Ende doch den digitalen Raum und bringt uns zurück zu einer Wertschätzung für Kunst und die, die sie kreieren. So dürfte sich vielleicht auch LGoonys Frage nach dem Sinn in dem Beruf des Musikers klären.