Bild: Tilman Kerber
Berlin, Kreuzberg, Kaffee, Kippen und Musik – die perfekte Formel für den nächsten Artist in jeglichen Indie-Playlisten? Nicht ganz. Der österreichische Musiker fiio hat sich in den vergangenen Jahren von einem „ typischen Indie-Boy“ zu einem Wiener Liedermacher gemausert. Darauf lässt zumindest die dunkelblaue Visitenkarte, die er bei einem spontanen Akustik-Konzert auf dem Tempelhofer Feld verteilt hat, schließen. Wenige Tage danach trifft Picky Elena fiio auf einen Kaffee, um seinem musikalischen Wandel, prägenden Einflüssen und seiner Sicht auf die aktuelle Musiklandschaft auf den Grund zu gehen.
fiio macht mittlerweile seit rund fünf Jahren als fiio Musik. Inzwischen kann der Sänger bereits zwei Studioalben und zahlreiche Singles verbuchen. Für viele Musiker*innen wird dann im Laufe ihrer Karriere irgendwann auch die Metropole Berlin Ort des Schaffens. Neben vielerlei Bands und Megastars hat es zuletzt auch fiio dorthin verschlagen, um an seiner Musik zu arbeiten. Zur Wahlheimat ist die Stadt zwar nicht geworden, aber zu einem Arbeitsort für ein paar Wochen im Jahr. Sich aus dem Gewohnten heraus bewegen hilft ihm auch bei seinem kreativen Output. „Ich war im Mai das erste Mal länger in Berlin, drei, vier Wochen und war auch weg von meiner Familie und Freunden. Das ist jetzt nicht so mein Komfort, meine Komfortzone, aber grundsätzlich war es ein cooles Gefühl.“ An einem anderen Ort zu sein, um dem Alleinsein ausgesetzt zu sein. „Ich werde dann immer eigentlich sehr kreativ. Weil man hat halt genug Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen.“
Albummensch mit städtischen Zukunftskonzepten
Die verschiedenen Umgebungen lassen sich auch in fiios Songs wiederfinden. „Ich glaube, in Berlin mache ich andere Musik als in Wien. Der Misch, das praktisch an beiden Orten simultan zu machen, ist die Idee für alles, was jetzt in Zukunft erscheinen wird.“ Im nächsten Jahr dürfen sich Fans voraussichtlich über ein neues Album freuen, denn wie fiio erklärt, war er in diesem Jahr sehr fleißig was Studioarbeit betrifft. „Ich möchte mir wieder ein bisschen Zeit lassen, das auch auszuformulieren bis zum Ende. Ich liebe Alben, ich bin auf jeden Fall ein Albenmensch und ich mache gerne Alben, aber ich nehme mir nie diese letzten 15 Prozent, die das Album eigentlich noch braucht und verdient hätte. Nicht im Studio zwangsläufig, sondern einfach, um das zu Ende zu denken.“
Farbenleere und ein klarer Wandel
Wer in den vergangenen Wochen bei fiios Insta-Seite vorbeigeschaut hat, dürfte auf ein farbenleeres Profil gestoßen sein. Denn nach seinem zweiten Album „Athena“ erscheint alles in Schwarz-Weiß, „um sozusagen ein Blank Sheet und einen Cut zu machen. Ich mag den Prozess jetzt gerade.“ Dazu gehört nicht nur eine Schwarz-Weiß Ästhetik, sondern beispielsweise auch den eigenen TikTok-Account an einen Fan abzugeben. Denn fiio geht an die anstehende Platte anders ran als bei seinem Debüt „Wir werden nur was wir schon sind“ und „Athena“. „Ich hatte gegen Ende von Athena ein bisschen eine Krise. Ich glaube, als Musiker kämpfen wir die ganze Zeit mit dieser Sache. Zu wie viel Prozent mache ich das für mich selbst und zu wie viel Prozent mache ich das, um irgendwas in mir zu füllen, irgendeine Lücke oder Anerkennung oder so? Das ist ja auch ganz menschlich. Ich glaube, viele Menschen wollen Aufmerksamkeit für die Dinge, die sie tun oder die Dinge, die sie halt bewegen. Das ist leider Gottes, aber auch ein bisschen die Grube, die man sich anfängt zu graben. Und bei Athena hatte ich dann irgendwie gegen Ende das Gefühl, ich habe einfach nicht diese Radikalität in mir gehabt. Diese künstlerische Radikalität, um am Ende nicht dazustehen und zu sagen: Okay, ich habe das, glaube ich, nicht ganz für mich selbst gemacht, sondern mehr aus einem strategischen Winkel. Ich mag das, was ich gemacht habe, aber es war halt nicht 100 Prozent.“ Nach „Athena“ stellt fiio sich Fragen wie: „Was finde ich gut?“ und „Was finde ich richtig geil, was würde ich gerne machen?“. Die Songs, die er seitdem veröffentlicht hat, sind unter diesem Anspruch bereits entstanden und entstehen jetzt gerade.


Liedermacher mit Gitarre
Auch wenn sich der Anspruch oder vielmehr die Haltung an seine Kunst verändert hat, gibt es etwas, dass fiio so ziemlich seit jeher musikalisch begleitet – die Gitarre. „Ich glaube, man sucht sich ein Werkzeug, was einen initial am besten versteht und das war bei mir einfach die Gitarre“ antwortet fiio auf die Frage, warum er die Musik als Ausdrucksform für sich entdeckt hat. Die Gitarre ist immer sein eigenes Ding. „Dadurch hat sich das wirklich zu so einer Art Handschrift entwickelt, die mich manchmal sogar besser versteht, als ich mich im ersten Moment selber verstehe. Und das macht es einfach, glaube ich, am attraktivsten für mich. Also ich male auch gern und ich finde auch am Dancefloor stehen ist Self-Expression. Aber wenn man versucht irgendwie alles, was man im Kopf hat, rauszubringen, dann ist es für mich Musik.“
Für fiio ist Musik also „die beste Interpretation von menschlichem Sein, die es gibt.“ Die Musik, die multidimensional ist, die uns durch und auf unterschiedlichen Ebenen bewegt. Sprache, Melodie, Harmonie, Rhythmik – und letztlich auch das, was in unseren Köpfen passiert, wenn wir uns Musik aussetzen.
Umso wichtiger dann auch als Artist, die eigenen Gedanken und Gefühle passend zu verpacken. Für fiio nicht immer einfach, denn der Musiker lieferte 2021 mit seiner Debütsingle „Touri“ noch andere Klänge. „Es gab halt diesen riesen Rap-Hype und es war halt nicht wegzudenken und in der Zeit war ich glaube ich einfach psychisch oder ja mental nicht stark genug, um irgendwie zu realisieren, was ich dann eigentlich wirklich gut kann.“ Weil fiio sein Projekt nie aufgegeben oder mit einem klaren Cut nochmal eine neue Richtung eingeschlagen hat, können Hörer*innen heute dafür umso besser die eigene musikalische Reise nacherleben – „fiio, so wie es jetzt ist, gibt es auch erst seit 2023, weil für mich hat das mit ‘Coffee’ begonnen.“
Die eigene musikalische Entwicklung ist dabei aber natürlich mehr als nur das. „Ich glaube, es ist sehr menschlich in dem Sinn, dass es einfach so eine Selbstfindung ist. Die als Prozess in der Öffentlichkeit steht. Ich hoffe dass das auch ein Ansporn für Leute ist, zu realisieren, dass sie nicht sofort wissen müssen, was für ein Ding sie sein wollen.“ Switches zu haben, neue Dinge ausprobieren zu wollen, das alles ist okay, denn „Dinge entwickeln sich nur über Reibung und Kollisionen und Chaos und Unwissen.“
Vielschichtigkeit statt Vermarktung
Die eigene Musik entsteht bei fiio natürlich nicht inspirationslos. So sind beispielsweise die Rolling Stones aber auch die Österreich-Stars von Bilderbuch prägend für seine Kunst gewesen. „Was jetzt sehr inspirierend war, für das nächste Projekt, ist Projekte herzunehmen, die maximalistisch an das Ganze rangehen. Weil oft sagt man ja gut, okay, das muss ja vermarktbar sein und vermarktbar sind Dinge, die sehr konkret sind.“ Die Einstellung „weniger sein ist besser, weil es dann konkret ist“ will fiio für seine zukünftigen Projekte hinter sich lassen. „Ich habe irgendwie immer das Gefühl gehabt, dass das eben vielleicht auch das das Ding war, was bei Athena dann zunehmend immer schwieriger geworden ist. Dass ich das Gefühl hatte, dieser Zugang, der deckt nicht das ab, was ich von so einem Projekt haben möchte.“ Die Vielschichtigkeit, die uns Menschen ausmacht, die andauernd runter gestumpft, in Algorithmen verpackt und in Schubladen gesteckt wird, „ich glaube, dass wollte ich auch so aufbrechen. Es gibt großartige Musikprojekte, die einfach rangehen und sagen, okay, wie schaffe ich da jetzt alles reinzupacken, was ich will?“
Dann bekommt alles eine eigene Handschrift. Und in fiios Fall spiegeln die neuen Songs nun tatsächlich wider, wie es ihm gerade geht oder was er fühlt.

„Es geht um den Idealzustand, den ich gerne mal erreichen wollen würde, den ich bis dato irgendwie immer nur punktuell hatte. Das sind wahrscheinlich so Momente, wo man realisiert, boah, ich habe etwas wirklich gemacht, auf das ich von hinten bis vorne unglaublich stolz bin und wo wirklich alles von mir drinnen steckt, was ich hab, dem alles gegeben, was ich geben konnte.“
Soll natürlich nicht heißen, dass die Songs, die davor entstanden sind, schlecht sind, „aber ich glaube, ich bin jetzt einfach an einem Punkt, wo ich gut genug in dem bin, was ich mache, um zu wissen, was noch möglich ist. Und ich glaube, dieses Wissen macht es für mich, das ist wie so ein Kribbeln unter der Haut, wo man einfach weiß, okay, geil, da geht noch was einfach. Und das, glaube ich, teste ich jetzt zum ersten Mal aus. Ja, es hat sich gerade richtig angefühlt und ich dachte mir so, ach, perfekt.“
Ob Indieboy oder Liedermacher – fiio ist mehr als nur eine Sache und lässt sich nicht einfach herunterbrechen. Wie die neuen Singles beweisen, trieft die Kreativität und das Künstlerdasein aus ihm heraus – „ich liebe es nicht nur ein Ding zu sein“. fiio lässt auf jeden Fall gespannt auf neue Wege blicken, die in Zukunft vielleicht nicht nur er, sondern auch seine Hörer*innen ehrlich und mutig einschlagen können.
Hier geht es zu fiio’s Musik:
