Durch Sich Selbst rennen, um immer wieder umzukehren: Auf zwei Kaffee mit Calou

Calou (Foto: Still aus dem Musikvideo zu „Endlosschleife“)

Eine verträumte Stimme, verspielte Sounds, Worte die Lust zum Mitsingen machen. Die Newcomerin Calou zeichnet mit ihren Songs Bilder: Fußsohlen auf warmem Asphalt, verwindete Haare durch den vorbeirauschenden Verkehr in zu lauten Städten. Es geht um die Suche nach dem Selbst, als junger Mensch sowie als Künstlerin, und trotz Druck, trotz rennender Zeit um einen herum immer wieder auf Wiesen liegend die Ruhe finden. Ein fortlaufender, aber umso wichtiger Versuch für Calou. PICKY hat die geborene Freiburgerin zum Gespräch getroffen – ein Plädoyer für Sich Nacktmachen innerhalb der Kunst.

Ein Gastbeitrag und Bilder von Chiara Zimmermann

Anfang Juni und auf meinem Handybildschirm läuft ein Reel: Vogelperspektive auf eine junge Frau auf einem Feld liegend, dann rennt sie durch die Nacht entlang Neuköllns Straßen – 12.06. Endlosschleife blinkt es: Release der neuen Single von Calou. Zwei Wochen später treffe ich die Künstlerin in ihrer Wahlheimat Berlin. Sie kommt etwas zu früh, Aufregung, sagt sie entschuldigend und lächelt charmant, die Wangen leicht gerötet. Die Luft drückt warm und unter den Baumkronen im Graefekiez in Kreuzberg finden wir ein Stück Schatten für ein Gespräch über Sichtbarkeit, die Rolle von Geschlecht in der Musikindustrie und inwiefern sich Komponieren manchmal wie Fashionstyling anfühlen kann. „Schau in den Spiegel, such mein altes Gesicht“ singt Calou und beschäftigt sich in ihren Songs immer wieder mit Fragen der Identitätssuche. Sie komponiert schon lange, ging aber erst seit 2023 mit ihrer Musik an die Öffentlichkeit. Mit warmen Synthy-Sounds zeichnet die Musikerin eine melancholische spring-summer-Atmosphäre. Sie spielt mit Sprache und somit entstehender Authentizität sowie dem Näherrücken an Emotionen.

Wieso Calou – ein Künstlername?  

Das ist gar nicht so deep, eine Mischung aus meinem Nachnamen und meinem Vornamen. Das passt zu meiner Musik. Gleichzeitig schafft der Name eine gewisse Distanz zu meiner privaten Person. Ich denke es ist einfacher, eine Künstler*innenidentität zu entwickeln, wenn es sie nicht komplett mit dem Privaten verschmilzt. 

2024 hast du deine erste Single Daydreaming veröffentlicht. Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich habe schon immer Musik gemacht! Mit drei begann ich Geige zu spielen, mit acht Klavier, später war ich im Orchester – selbst komponiert habe ich aber nie. Nachdem ich als Kind für einen Musiktest katastrophal „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ vorsang, habe ich jahrelang nur noch heimlich gesungen. Irgendwann wurde der Wunsch, einen eigenen Song zu schreiben aber größer. Das klingt cheesy aber irgendwie stand das auf meiner Bucket List. Also lud ich mir Garageband herunter, schrieb Daydreaming und merkte, wie viel Spaß mir das bringt. 

An welchem Moment hast du gesagt, ich mach’s jetzt einfach? Straßenmusik auf der Admiralbrücke als Inspo?

Hauptsächlich durch mein Umfeld. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich viele Leute kennengelernt, die Musik machen. Ich dachte immer, ich wüsste viel zu wenig übers Produzieren, das war eine Riesenhürde. Durch sie habe ich gemerkt: es ist machbar. Dadurch fiel Druck weg und es ging in erster Linie um ein Ausprobieren für mich. An eine Veröffentlichung habe ich noch gar nicht gedacht. Meine Freund*innen haben mich darin sehr bestärkt.

„Durch die männliche Dominanz in der Branche entsteht schnell das Gefühl, nicht kompetent genug zu sein. Irgendwann musste ich mir aber sagen: Am Ende kochen alle mit Wasser.“

– Calou über die Erfahrung, ihre Musik selbst zu produzieren

Wie entstehen deine Songs? Was kommt zuerst – Text oder Melodie?

Fast immer Melodie! Meistens schreibe ich während des Komponierens, das bietet textliche Flexibilität. Mittlerweile habe ich ein kleines Heft bei mir und schreibe zwischendurch Gedanken oder Stimmungen auf, aber meistens finde ich den Text über den Rhythmus und Klänge.

Also schreiben aus einer spontanen Emotion heraus? Verortest du Dinge in der Welt während des Komponierens? 

Wenn ich traurig oder nostalgisch bin, habe ich auf jeden Fall mehr das Bedürfnis Musik zu machen. Ich spiele ohnehin viel Klavier, auch unabhängig von eigener Produktion. Das hilft mir Gefühle zu verarbeiten. Oft entsteht daraus dann ganz organisch eine Idee für einen neuen Song.

Vertraust du hier deinem Bauchgefühl oder überarbeitest du lange?

Ich arbeite meistens schnell und impulsiv. Daydreaming ist beispielweise in drei Stunden entstanden. Oft entsteht ein Song aus einem Gefühl heraus. Ich lasse ihn dann erstmal liegen und selten ändere ich noch viel, sondern fang immer lieber wieder was Neues an. Sobald ich anfange, zu viel zu überdenken, entferne ich mich oft von dem, was ich eigentlich ausdrücken wollte.

Ist deine erste EP Romantic Notion auch aus einem Impuls heraus entstanden? 

Die Songs lagen lange auf meiner Festplatte, weil mich mein Perfektionismus blockiert hat. Die EP war nicht konzeptionell, aber gerade deshalb eine Entscheidung, Dinge loszulassen und weiterzugehen. Sie steht für die Akzeptanz, dass nicht alles perfekt sein muss. Ich finde es spannend, wenn Künstler*innen auch Zwischenschritte zeigen. Ich wollte die Hemmschwelle rausnehmen und Prozess und Werdegang offen begegnen. 

Viele Künstler*innen kämpfen mit Perfektionismus […]

Und ich verstehe es! Prozesshaftigkeit zu zeigen ist eine Form des Nacktmachens. Das ist immer noch selten zu sehen bei Menschen in der Öffentlichkeit. Für mich war die EP eine Möglichkeit hier mit dem Taboo zu brechen und die eigene Entwicklung sichtbar zu machen.

Wie hast du die Resonanz erlebt?

Durch meinen Freundeskreis habe ich viel Unterstützung erfahren. Das hat mir gezeigt, dass es richtig war, die Musik nicht auf meiner Festplatte liegen zu lassen. Das sollten wir auch nicht runterreden, weil es einen extremen Einfluss darauf hat, ob wir uns Dinge trauen!

„Musik ist hier ein bisschen wie Kleidung für mich – an manchen Tagen baggy, morgen wieder schick. Ich habe Lust auf dieses Finden innerhalb verschiedener Stimmungen. Social Media verstärkt den Druck, einer festen Identität entsprechen zu müssen – dabei bin ich selbst noch mitten im Prozess.“

– Calou zu Genregrenzen und die Suche nach dem eigenen Sound

Hier spielt die Gender Perspektive eine Rolle, wobei Producing immer noch sehr männlich geprägt ist und Sozialisierung Männer eher befähigt, auszuprobieren und sich zu trauen.

Deshalb ist gerade für Frauen* dieser Zuspruch wichtig. Ich habe meinen ersten Song komplett in GarageBand produziert und hatte keine Ahnung, was ich tue. Durch die männliche Dominanz in der Branche entsteht schnell das Gefühl, nicht kompetent genug zu sein. Irgendwann musste ich mir aber sagen: Am Ende kochen alle mit Wasser. 

Die Musikindustrie ist prekär und gerade für Independent Artists nicht einfach. Wo bestehen für dich die größten Herausforderungen? 

Musik zu machen, kostet leider Geld. Auch wenn ich vieles selbst produziere, muss ich meine Songs mischen und mastern lassen. Das ist ein finanzieller Aufwand, den man sich leisten können muss, vor allem wenn man wie ich nebenher noch studiert und Musik nicht dein Hauptding ist. Dazu kommt, dass man als kleine*r Künstler*in bei Spotify oder großen Labels total untergeht.

Dazu kommt das Thema Sichtbarkeit. Es reicht heute nicht mehr nur Musik zu machen, du solltest sie und damit dich auch vermarkten können. Wie geht es dir mit dem Druck?

Mir ist nichts fremder als mir Konzepte und Content für Promo zu überlegen. Aber wenn du nicht permanent Aufmerksamkeit erzeugt, ist es schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden. 

Nimmt dir dieser Druck etwas von der Freude am Ausprobieren?

Manchmal wünsche ich mir die Zeit vor der ersten Veröffentlichung zurück. Damals war ich freier. Heute denke ich natürlich darüber nach, ob Menschen die Musik hören werden. Ich mache sie zwar in erster Linie für mich, wünsche mir aber auch Resonanz. Ich habe mir jetzt TikTok geholt (lacht). Trotzdem möchte ich musikalisch verschiedene Richtungen auszuprobieren. Musik ist hier ein bisschen wie Kleidung für mich – an manchen Tagen baggy, morgen wieder schick. Ich habe Lust auf dieses Finden innerhalb verschiedener Stimmungen. Social Media verstärkt den Druck, einer festen Identität entsprechen zu müssen – dabei bin ich selbst noch mitten im Prozess.

Also wehrst du dich gegen Genreeingränzungen?

Ich höre selbst gerne Musik, deren Genre nicht eindeutig oder experimenteller ist. Wenn mich jemand fragt, sage ich meistens Indie Dream Pop, ein Freund nennt meine Musik Bedroom Pop, aber das sind eher Orientierungshilfen. Ich mag Künstler*innen, die einfach machen, worauf sie Lust haben. Persönlichkeit verändert sich ständig – warum sollte Musik das nicht auch dürfen?

Was ist Bedroom Pop, hört man das nur im Schlafzimmer?

Bedroom Pop wird in deinem Schlafzimmer produzierst. Clairo ist ein Beispiel. Ich produziere echt fast alles in meinem Schlafzimmer, sogar oft in meinem Bett. 

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Am 12. Juni ist dein neuer Song Endlosschleife erschienen – worum geht es für dich darin?

Der Song handelt von meinem Verhältnis zur Musik, aber auch vom Leben in den Zwanzigern. Es geht um den Wunsch, mit der Musik weiterzukommen, gleichzeitig aber das Gefühl zu haben, auf der Stelle zu treten. Man ist ein Stück weit im eigenen Perfektionismus gefangen: Man möchte mehr machen, kommt aber manchmal nicht richtig voran und will trotzdem nicht aufgeben.

Du singst das erste Mal auf Deutsch, deiner Muttersprache. Warum?

Am Anfang war Englisch für mich eine Art Schutzraum. Die Sprache schuf eine gewisse Distanz und ich habe weniger darüber nachgedacht, wie direkt das Gesagte eigentlich wirkt. Mit der Zeit wollte ich mich intensiver mit meinen Texten auseinanderzusetzen. Auf Deutsch lassen sich Gefühle für mich ehrlicher ausdrücken – deshalb stand diesmal der Text vor der Komposition.

Hast du eine Lieblingszeile?

„Ich will nur hier liegen bleiben, mein Lieblingslied auf Endlosschleife.“

Auch in deinem Song Stay in Bed geht es ums Liegenbleiben. Ist das eine Absage an den ständigen Leistungsdruck?

Der Song handelt vor allem von FOMO und davon, zu lernen Zeit mit sich selbst verbringen. Ich hatte lange das Gefühl, immer produktiv sein oder etwas erleben zu müssen. Schön, dass ich gelernt habe, an einem Freitagabend einfach zu Hause zu bleiben – ohne das zu rechtfertigen.

Welche Rolle spielt Berlin hier und für deine Musik?

Nochmal cheesy, aber Berlin ist für mich eine super Stadt, um kreativ zu arbeiten. Dieses Umfeld motiviert mich. Wenn Freund*innen neue Projekte veröffentlichen oder Erfolge feiern, setzt mich das nicht unter Druck, sondern spornt mich an, an meinen eigenen Sachen dranzubleiben.

Du hast früher als Schauspielerin gearbeitet und standest schon in der Öffentlichkeit.  Inwiefern prägt diese Erfahrung dich bis heute und deinen Umgang mit Output?

Musik ist für mich viel persönlicher und intimer als Schauspiel, da schlüpfe ich in eine Rolle. Ich kämpfe immer noch mit Vorspielangst. Beim Schauspiel war ich dadurch deutlich unbefangener. 

Du hast noch nie live gespielt? Release Konzert jetzt für den neuen Song?

Das ist auf jeden Fall das Ziel. Dadurch, dass ich so lange nur heimlich gesungen habe, kostet mich live spielen immer noch Überwindung. Ich will diese Angst aber gerne überwinden, da mir Konzerte noch einmal ein ganz anderes Selbstbewusstsein geben würden – und eine Form von Resonanz, die Streaming niemals ersetzen kann.

Hier könnt ihr in Calous bisherige Releases direkt hineinhören:

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