Holunderwein aus Champagnergläsern: Wednesday live im Molotow 

Wednesday aus North Carolina sind derzeit auf großer „Bleeds“-Albumtour unterwegs. Am 8. Februar spielte die Band ein Konzert im Hamburger Molotow auf der Reeperbahn (Foto: Pressebild).

Wednesday verkaufen das Molotow aus und entlocken dem Hamburger Konzertpublikum Tanz-Qualitäten. 

„We’ll play just as good!“, versichert Wednesday-Frontsängerin Karly Hartzman schmunzelnd. Kurz zuvor hatte sie sich über die „most chill crowd ever“ amüsiert. Eine doch sehr passende Publikumsbeschreibung, und für Konzertgänger*innen der Hansestadt ein bekanntes Bild: verschränkte Arme, anteilnahmslose Blicke, maximal wippende Füße.  

Aber tatsächlich können Wednesday an diesem Abend der hamburgischen Zurückhaltung etwas entgegensetzen. Um genau zu sein ist es Cate Reynolds, Gitarristen von Bleary Eyed, die diesen Konzert-Abend im Hamburger Molotow eröffnen, die das Eis bricht. Ihr Stagedive zum Song „Someone Always“ kommt aus dem Nichts und entlockt Hartzman ein „ha, it’s funny“. Weitere Crowdsurfer steigen mit der Zeit hoch und das vordere Drittel des Publikums wird langsam zu einer wabernden, moshenden Masse, die den Hausstaub der Konzert-Einrichtung ordentlich aufwirbelt. Offenbar wurde hier lange nicht mehr so getanzt – oder zumindest gewischt. „What a tranformation!“, fällt das Lob von Hartzman anschließend aus.

Bleary Eyed (links) eröffnen den Abend, Wednesday (rechts) spielen anschließend Songs aus ihrem aktuellen Album „Bleeds“.

Fotos: Picky Magazine

Die Band aus Asheville, welche es sich nicht nehmen lässt in die Runde zu fragen, ob denn weitere Personen aus North Carolina den Weg ins Hamburger Molotow gefunden haben (und tatsächlich, ein paar melden sich zu Wort), hat im September vergangenen Jahres ihr fünftes Studioalbum „Bleeds“ bei Dead Oceans / Secretly veröffentlicht. Der Stopp in Hamburg ist einer von vielen im Rahmen dieser ausgedehnten Albumtour. 

„Bleeds“ wurde, ebenso wie der Vorgänger „Rat Saw Good“, in ihrer Heimatstadt von Alex Farrar produziert, der die Band seit vielen Jahren aufnimmt. Wenn es so etwas wie den (Achtung, musikjournalistisches Unwort) Trademarksound von Wednesday gibt, dann ist er auf „Bleeds“ in all seinen Facetten zu hören: Country-Elemente, Indie-Hooks, Sludge-Noise. Die Liste der Einflüsse ist lang.

Wednesday’s „Elderberry Wine“ ist einer der Fokus-Songs auf dem aktuellen Album und findet im letzten Drittel der Setlist Platz.

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Kein Wunder also, dass die Musikpresse sich damit schwertut, den Sound der Band einzuordnen. Mal liest man von Indie Twang, dann von Country Gaze und andernorts ist wiederum von Country Fried Grunge die Rede. Hartzman selbst bezeichnet „Bleeds“ als „typisches ‘Wednesday Creek Rock’-Album“. Wie man es auch nennen mag: Wednesday haben in puncto Sound an ihrer Identität gefeilt und damit Pionierarbeit für alternative, genrefluide Gitarrenmusik geleistet. So kann die von Xandy Chelmis gespielte Pedal Steel im country-esquen „Elderberry Wine“ mit Scream-Passagen und geballten Noise-Wänden wie in „Townies“ oder „Bull Believer“ an diesem Abend ohne Probleme koexistieren. 

„America is a little crazy right now“

Vor besagtem „Bull Believer“, dem vorletzten Stück an diesem Abend, macht Hartzman auf die politische Situation in den USA aufmerksam. „America is a little crazy right now.“ Und so nutzt die Band die beiden letzten Songs auf der Setlist (die wohlgemerkt handgeschrieben, bemalt und mit Washi Tape fixiert ist), um ihrem Ärger Luft zu machen. Und fordert dazu auf, die Schrei-Passagen als Ventil zu nutzen, die angestaute Wut raus- und positive Gedanken reinzulassen. Danach gibt es, wie von der Bandleaderin zuvor angekündigt, keine Zugabe mehr. Aber das Molotow an der Reeperbahn bleibt staubig und euphorisiert zurück.

Hier Wednesday – „Bleeds anhören“.

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