Eiskratzer #4: Alle machen Nebenjobs

Kennt ihr das Meme mit dem Astronauten? Perplex zeigt er auf die Erde und sagt “Wait… It’s all […]?” und sein Kollege sagt “Always has been”. Ich bin dieser Astronaut, wenn ich durch Alternative-Playlists scrolle. Es ist alles Thom Yorke in irgendeiner Instanz. Allein, mit Gitarrist, mit von den Chili Peppers ausgeliehenem Bassisten. Heute widmet sich der Eiskratzer den Aliasen, den Alter Egos, den Side Projects, den Positionswechseln. 

Ob Thom Yorke jetzt wie ein hartgesottener Rockstar nach einer verhunzten Probe mit Radiohead die Gitarre hinschmeißt, und Flea anruft, sei dahingestellt. Klar ist: Prokrastinieren kann man auch wunderbar, wenn man einfach kurz in ein anderes Genre flieht. Aus genau so einer Laune entsteht das Album “Amok” von Atoms For Peace. Yorke und Flea erschaffen hier eine Art Schweiz zwischen den Genres ihrer Hauptprojekte. Etwas zwischen Triphop, Electronic, samt einer überraschend akustischen, zeitweise psychedelisch ausufernden Indie-Klangbasis. 

Ähnlich aufgestellt ist Damon Albarn mit Blur und den Gorillaz. Und auch er hat ein Projekt mit Flea. Vielleicht ist das einfach die feine englische Art. 

Noch mehr Spaß macht die Prokrastination, wenn so ein schönes kleines Mysterium entsteht. Ich bin baff, als ich bei Pitchfork lese, dass Geotic der Side-Gig von Will Wiesenfeld aka Baths ist. Und so, durchs Weiterklicken bzw. Credits lesen, entsteht für viele Künstler*innen der Eisberg. Manche nehmen etwas vom Hauptprojekt mit in den Sidegig, so wie Jamie xx von The xx, manche wollen gar nicht wiedererkannt oder genannt werden. 

Einer, der den Reiz des Auf- und Abtauchens verstanden hat, ist Matty Healy, im Dayjob Frontsänger von The 1975. Er scheut sich nicht, auf dem Track “Sunshine Baby” von The Japanese House für die Backing Vocals hinters Mikro zu springen. Das Album “In the End It Always Does” von The Japanese House ist ein Ü-Ei der Songcredits. George Daniel, Schlagzeuger von The 1975 und Ehemann von Charli XCX, hat das gesamte Album produziert. Justin Vernon, treibende Kraft hinter Bon Iver, hat an “Over There” mitgearbeitet. 

Sich Songcredits anzuschauen, bricht einem manchmal das Gehirn. Hättet ihr gedacht, dass Kenny Beats, der doch gerade noch Freddie Gibbs oder YoungBoy NBA den musikalischen Unterbau geliefert hat, das Album “Getting Killed” von den New Yorker*innen der Stunde, “Geese”, produziert hat? Oder dass Skrillex ein Beyoncé-Album mitproduziert hat? Natürlich ist das Engagement als produzierende Person eine andere Dimension, vor allem wenn die Artists dann als Klarnamen in den Credits stehen. Und trotzdem würde ich eine Niere geben, um solche Studiosessions mitzuerleben.

Noch tiefer kann man sich in die Schluchten des Hiphop stürzen, um dann da Gems wie NxWorries (Knxwledge und Anderson .Paak) oder Madvillain (Madlib und MF DOOM) zu finden. Letzterer ist der unangefochtener Spitzenreiter der Alter Egos, und auch hier realisiert der Astronaut wieder: “King Geedorah, Viktor Vaughn, Metal Fingers… Wait, it’s all MF DOOM?”- “Always has been”.

Also nein, es ist nicht immer nur die Langeweile, die Künstler*innen wie Skepta zwingt, beim Boiler Room aufzulegen, oder Matty Matheson, nebst Gastro- und Film-Standbein eine Botique-Hardcoreband zu gründen. Es ist der Wunsch nach frischem Wind, der Wunsch nach einer neuen Hörer*innenschaft, einer anderen Identität. Nur so entstehen Eisberge überhaupt, und nur so entsteht ein kleines Mysterium um Artists, oder der Nährboden für Gossip zwischen den Veröffentlichungen. 

Ich finde: Wer Bock hat, der soll machen. Mehr Alben für alle. Und wenn nach einem Album oder sogar nur einer EP wieder Schluss ist, tja. Man kann ja direkt die nächste Band gründen.