Benjamin Amaru live in Paris (Fotos: @hnsrud)
Für Benjamin Amaru beginnt das Konzertjahr 2026 mit seiner „Nostalgia 9052“-Tour zur gleichnamigen EP, die im Dezember erschienen ist. Wir waren beim Tourauftakt in Paris dabei.
Aktives Zuhören ist nicht so leicht. Oft meinen wir zu wissen, was uns ein Mensch (oder ein Song) sagen will und unsere Gedanken schweifen ab. Unsere Aufmerksamkeitsspannen sind von Algorithmen beschlagnahmt. Neue Musik skippen wir durch. Ist das mein Vibe? Kommt da noch was? Nein? Nächster Song. Benjamin Amaru will dem etwas entgegensetzen. „Für die nächsten zwei Stunden ist das ein Raum der Musik!“, verkündete er schon bei der Vorstellung der vielversprechenden Newcomerin Jo The Man The Music, die den Abend eröffnete. Amaru bat sogar darum, dass Konversationen doch bitte draußen geführt werden sollten. Verständlich: Schließlich müssen leise Pop-Künstler*innen zu oft gegen das Gemurmel besonders gesprächiger Konzertgäste ankämpfen. In Paris stießen die Artists auf ein äußerst diszipliniertes Publikum, das die sanfte Spannung vom ersten Moment an aushielt.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Benjamin Amaru längst fest in der Alternative-Szene etabliert. Auf der aktuellen Tour erkundet der Musiker einmal mehr auch einige Städte im nicht-deutschsprachigen Europa. Seit 2018 bereichert der Schweizer mit der ruhigen Stimme die Playlists seiner Fans regelmäßig mit träumerischen Indie-Pop-Songs, die den Alltag vergessen lassen. Zuletzt erschien mit „Nostalgia 9052“ eine Hommage an Amarus Kindheit und Jugend im ostschweizerischen Niederteufen. Die Postleitzahl des Dorfes ist namensgebend für die EP.

Zwischen Konzept und Intuition
Amarus beachtlicher Streaming-Erfolg dürfte Benjamin Amaru nach Paris geführt und den Club im Ausgehviertel Quartier de la Roquette unweit der Place de la Bastille gefüllt haben. Derzeit sind es knapp eine halbe Millionen monatliche Hörer*innen auf Spotify. Doch wer den Musiker im Scheinwerferlicht erlebt, lernt keinen scheuen Studiokünstler kennen. Der Multiinstrumentalist ist ein leidenschaftlicher Liveartist, der sich auf der Bühne in Sphären zwischen Konzept und Intuition singt. Amaru und die Band unterlegen seinen rohen Gesang mal mit bebenden Synth-Flächen, dann setzen sie wieder auf ungefilterte Gitarren- und Klavierarrangements.
Dabei liebt es Amaru, diese akustische Expedition zu dirigieren – doch er weiß auch, dass er die Kontrolle manchmal abgeben muss, um emotionale Höhepunkte entstehen zu lassen. Der französischen Crowd schenkte er einen solchen fast spirituellen Moment bei den Tracks „lighthouse“ und „slowly dancing“ von seinem bisher einzigen Album „i always remember all of my dreams”. Keyboarderin Aleksandra setzte sich vorne ans Klavier und Drummer Gian griff zur Akustikgitarre. Spätestens als die ganze Band am vorderen Bühnenrand aufgereiht stand, übernahm bei Benjamin mit gläsernen Augen der emotionale Autopilot.

„I only want you to listen”
Benjamin Amaru kann nicht nur leise, sondern auch laut. Am Ende kommt er aber oft wieder zu den traurigen und melancholischen Songs zurück. Er kommentiert es so: „That’s the shit I like, what can I do“. Aktives Zuhören kann schwer sein. Benjamin Amaru wird nicht müde, sein Publikum dazu aufzufordern. Es lohnt sich, die Aufmerksamkeit auf ihn und seine Musik zu richten.

