Foto: Eric Nagel
Die Band Bruckner gehört mit Songs wie „Für immer hier“, „Ticket für die Nacht“ oder „Immer nachts“ seit rund acht Jahren zum deutschsprachigen Indie-Kosmos. Am vergangenen Freitag haben die beiden Brüder ihr drittes Album „Zusammenbleiben“ veröffentlicht. Mit Picky Elena haben Matti und Jakob am Releasetag über die gemeinsame Zusammenarbeit als Geschwister, den DIY-Schaffensprozess beim neuen Longplayer und das Zusammenbleiben gesprochen.
Freitag, 25. September 2026. 00:00 Uhr. „Zusammenbleiben“ erscheint auf Bildschirmen oder landete bei Fans bereits als Platte im Briefkasten. Wenige Stunden später finden sich Matti und Jakob in einem Münchner Café wieder, um über das neue Album zu sprechen. Insgesamt dürfen sich Hörer*innen über zehn Songs freuen. Im Kontext der beiden Vorgängeralben „Zusammenbleiben“ ist dies zwar die „kürzeste“ Platte, aber wie Matti und Jakob erklären, nicht ohne Grund. „Wir konnten uns da viel freier machen und uns jetzt auf so eine gewisse Seite von Bruckner beschränken, die für dieses Album und für diese Phase gerade passt.“
Es muss nicht alles in ein Album
Während das Bruckner-Debütalbum „Hier“ aus 2020 Fans in geballter Form die Band musikalisch vorstellt, ist das Nachfolger-Album „Zerrissen“ aus 2023 für Jakob fast schon wie ein Compilation-Album. „Ich hatte den Eindruck, wir haben ein richtig schönes, rundes Album gemacht, das irgendwie mal gut in einem Fluss hören kann. Das habe ich bei den ersten Alben nicht so gehabt.“ Die neue Platte „Zusammenbleiben“ ist dabei wie ein konzentrierter Ausschnitt des Bruckner-Gesamtwerks. „Die neue Platte ist ein gutes Stück in die Schrammel-Rock-Richtung und ein bisschen weniger dieses funkige, was wir früher viel gemacht haben.“
Mit dem Schrammel-Rock zieht auf „Zusammenbleiben“ „eine gewisse Emotionalität“, wie die Brüder beschreiben, ein. Einfach ehrlich und nah, das beste Beispiel dafür dürften vermutlich die Songs „F“ und „Du“ sein. „Ich wär so gern der Mensch auf dessen Schultern alles ruht/ Doch wenn ich ehrlich bin, dann bist das du“ singt Jakob in einer besonnen Klarheit, die manchmal selbst so schwer zu finden ist. „Natürlich gibt es diese witzige, ironische Seite von uns und dieses Funkige und diese Partyseite, aber die konnten wir jetzt mal gut weglegen.“ Matti und Jakob haben inzwischen den dritten großen Release-Zyklus hinter sich und haben „einfach schon so viel Erfahrung, dass man nicht alles in ein Album pressen muss.“
Geeichte Brüder
Matti und Jakob teilen sich nicht nur die Band, sondern auch den Stammbaum. Daher besteht natürlich, wie uns die Geschichte zeigt, auch großes Potential für Streitigkeiten. Bei Bruckner allerdings wenig Gefahr, denn „wenn wir zu zweit Musik machen, ist es einfach. Bei uns ist es krass, finde ich, wie blind wir uns mittlerweile verstehen und wie geeicht wir auch auf denselben Geschmack sind.“ Simpel gesagt: “Wir finden halt zu 95 Prozent dieselben Sachen gut und da gibt es wenig, was es noch so auszudiskutieren oder zu besprechen gibt“.
„Das ist aber auf der anderen Seite auch das ein bisschen das Trickige, weil man halt so komplett in der eigenen Suppe schwimmt, wenn wir zu zweit arbeiten“, räumt Jakob ein. „Wir haben schon noch immer irgendwen, eigentlich immer ein Produzent, mit im Raum sitzen“, auch wenn sie den Prozess zu zweit sehr angenehm finden, wie Matti erklärt. Mal Produzent, mal Fotograf – in den Sessions braucht es Leute, die eine gute Stimmung für die beiden mitbringen. Wie Matti auf den Punkt bringt: „Wir erleben alles gemeinsam. Das heißt, wir könnten uns immer nur dieselben Sachen gegenseitig erzählen“. Für eine Außenperspektive und um aus dem „eigenen Saft“ herauszukommen, wird das Studio dann eben um eine Person reicher.
Die beste Zeit – aber mit Ausgleich
Auch wenn Matti und Jakob gerne Zeit im Studio verbringen, haben die beiden über die Jahre eine andere Haltung an die Arbeit im kreativen Musikbereich für sich gefunden. „Dieser Job der, der bietet sich an, so unendlich viel Zeit reinzustecken.“ Noch mehr Songs, noch mehr Social Media Content, es gibt einfach kein Ende. „Es ist einfach endlos Zeit, was man reinstecken kann, was wir auch würden, weil wir zwei leidenschaftlich dabei sind. Seitdem ich eine Familie und Kinder habe, ist es einfach so, dass wir uns bewusster diese Zeiten nehmen und einfach Urlaub tatsächlich mal blocken, das haben wir vorher nie gemacht.“ erklärt Jakob, der inzwischen zweifacher Vater ist, weiter.
Die veränderte Herangehensweise zeigt sich bei den beiden jetzt auch in der Release-Phase ihres dritten Albums. Selbst wenn es in Momenten stressig wird oder die harte Realität der Musikbranche schlägt. „Das es einfach nicht mehr das Allerwichtigste der Welt ist, dass nicht mehr alles steht und fällt damit, wie gut gerade Songs von uns performen oder Reels oder wie zufrieden wir mit unserem kreativen Schaffen sind.“ Und am Ende sind es auch Jakobs Kinder, die zu diesem Wandel bei Bruckner geführt haben. Denn wie Matti beobachtet: „Die bringen so eine Lockerheit rein. Auch für mich, obwohl sie ja nicht mal meine Kinder sind.“ Der Prozess von Albumidee zum tatsächlichen Release hat sich in vielerlei Hinsicht verändert.
Kreative Hüte und leidenschaftliche Kämpfer
Mit „Hier“ lieferten Bruckner ein einschneidendes Debütalbum für viele Fans. Und so auch für die Brüder selbst. „Der Entstehungsprozess von dem ersten Album war auch so, dass es so himmelhoch jauchzend angefangen hat und dann in so unmenschliche Tiefen abgedriftet ist“. Die massiven Ausschläge, die das Debüt geprägt haben, haben Matti und Jakob gelernt, nicht mehr so reinzugehen. „Das ging damals noch, aber das hat auch wirklich Spuren hinterlassen, für immer.“
Aber genau diese verbinden Jakob und Matti auch für immer. Die wertvollen Erfahrungen beeinflussen auch heute die Herangehensweise oder wie die kreativen Prozesse passieren. „Nee, das ist schon der Jakob auf jeden Fall. Also zumindest, in dem Sinne, dass er einfach oft auch eine sehr viel stärkere Meinung hat zu Dingen“, antwortet Matti auf die Frage, wer oder ob jemand den kreativen Hut aufhat. „Ich habe das Gefühl, du kämpfst einfach viel krasser für deine Ideen, als ich für meine“. Jakob ergänzt: „Ich bin schon immer noch ein Hitzkopf, wenn ich so für was brenne, für eine Idee von mir. Aber ich bin einfach mittlerweile, kann man schon eher sagen, einfach leidenschaftlich Kämpfer für meine Ideen. Das lerne ich zum Beispiel auch gerade immer mehr, dass ich mir denke, ich versuche, das alles in diesem kreativen Prozess erst mal nicht zu framen, sondern erst mal einfach zu nehmen und mir das anzugucken und zu sagen, wie finde ich das jetzt, ohne dass ich vielleicht gekränkt bin, weil mein eigener kreativer Output gerade keinen Platz hat.“
Eine Hommage ans Zusammensein
Wo der kreative Output aber nicht besser akkumuliert sein könnte, ist auf „Zusammenbleiben“. Das neue Album setzt sich zusammen aus Erzählungen von Mattis und Jakobs Leben. Gemeinsame Erlebnisse oder eben die ersten eigenen Kinder, wie sie Jakob auf „F“ besingt. Die rohe und ehrliche Nahbarkeit, die die beiden seit jeher im DIY-Style präsentieren, bringen sie auch auf der neuen Platte authentisch rüber. Tracks wie „Magnolien“ oder Mattis aktueller Liebling „Vertragen“ lassen Hörer*innen tief in die Gefühlswelt und auch den vermeintlichen Alltag der beiden blicken.

Und so gibt es auch Songs, die beim Hören an Tracks der Debüt-Platte erinnern. „Rosmarie“ dürfte für Fans einer davon sein. Mit der angefetzten Gitarre und dem euphorischen Gesang ist er dabei wie der Bruder zum „Lifestyle“-Song von „Hier“ aus 2020. Das einzige Feature, das sich auf „Zusammenbleiben“ finden lässt, haben die Brüder mit der Band Falschgeld vertont. „Die fühlen wir halt so krass, weil sie wirklich auch so derbe DIY sind. Die sind so authentisch und unberührt von dieser Musikindustrie. Und wir können unser krass identifizieren, die sind so bisschen wie unsere kleinen Brüder irgendwie“, erklärt Jakob, warum gerade die Band Featuregast geworden ist. Anerkennung haben Bruckner aber nicht nur für andere Artists, sondern auch für sich gegenseitig.
Wertschätzung unter Brüdern
Matti und Jakob, ihre DIY-Haltung zu allem, und die Bodenständigkeit, die sie widerspiegeln, macht sie für viele so sympathisch. „Wir haben auf alle Fälle, glaube ich, sehr, sehr schöne Momente geschaffen für uns und für Leute, die unsere Musik hören.“ Die Wertschätzung ihren Fans gegenüber, haben die beiden auch für sich gemeinsam übrig. „Ich habe schon das Gefühl, wir haben uns einfach alles sehr, sehr mühsam erarbeitet. Das ist voll schön, weil das sorgt auch dafür, dass man gegenseitig immer sieht, was man alles reingesteckt hat und was man gemacht hat. Das sorgt halt für eine extreme Wertschätzung einfach.“ Immer wieder vor Augen zu bekommen und mitzuerleben, was die andere Person in das Projekt reinsteckt, auch wenn es vielleicht nicht so gut läuft – „es trägt dazu bei, dass man so eine Beziehung im freundschaftlichen, arbeitlichen und familiären Kontext einfach aufrecht erhält.“ Der perfekte Deal also.
Eine Ewigkeit mit Bruckner
Matti und Jakob schaffen mit ihrer Musik nach wie vor einen Raum, in dem man einfach sein kann, wie man ist. Nicht verstellen oder hinterher eifern. „Zusammenbleiben“ als Album, aber auch als gleichnamiger Abschlusstrack mit Falschgeld ist dabei Appell und Versprechen gleichzeitig. Dass die eigene Lieblingsband, wie sie es im Refrain singen, für immer zusammenbleibt, dass wünschen sich zahlreiche Fans auf der ganzen Welt. Dies klappt natürlich nicht immer, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Für Fans von Bruckner gibt es außerdem nochmal gute Nachrichten, denn die Band geht im Oktober auf Zusammenbleiben-Tour und bringt die neue Platte damit direkt auf die Bühne. Abschließend soll gesagt sein: „Nichts hält für die Ewigkeit“ singen Bruckner auf „Beste Zeit“ und schaffen damit doch etwas Unendliches.
