Nun ist es endlich so weit: Sieben Jahre nach seinem ersten veröffentlichten Song, bringt Nils Keppel ein mutiges Debüt-Album heraus. „Super Sonic Youth“ heißt es und es ist vielversprechend. Sehr sogar. Gastautor Jacob hat sich das Album genauer angeschaut.
Erste Schritte
Wer in den dunklen Coronawintern eifrig seine deutschsprachigen Post-Punk Playlisten gepflegt hat, dem ist vielleicht schonmal der ein oder andere Ohrwurm von Nils Keppel begegnet. Songs wie „Kein Paris“ oder „Immer im Rauch“, brachten einen wohlig düsteren und irgendwie nostalgischen Sound, mit dem sich der etwas triste Pandemie-Alltag gut romantisieren ließ.
Dabei wirkt die Diskografie des heute 25-Jährigen stilistisch bis hierhin noch ein wenig unentschlossen: In seinen Anfängen experimentiert er noch mit Klangflächen aus dem elektronischen Ambient und hört man etwas genauer hin, so kann man die ein oder andere Drum-Sequenz aus dem Trap erkennen. Mit der Zeit fügt sich Nils Keppel dann musikalisch immer mehr in die gerade entstehende Neue Neue Deutsche Welle (NNDW) und in das Comeback der New Wave ein. Releases wie „222“ oder „Wellblech“, laden mit ihrer treibenden Energie und dem Gefühl einer jugendlichen Melancholie zum Tanzen oder zur Begleitung des eigenen Herzschmerzes ein. Ein Sound, der sich irgendwo zwischen Edwin Rosen, diggidaniel oder Flawless Issues bewegt.
Eigene Handschrift
Mit „Super Sonic Youth“ bringt Nils Keppel nun ein Album raus, welches sich wie ein mutiger Durchbruch, wie ein Statement anfühlt. Der in Leipzig lebende Pfälzer scheint seine musikalische Sprache gefunden zu haben. In elf Titeln und 33 Minuten, fügt er poetisch verschlungene Texte, raue Noise-Elemente und wehmütige Refrains zu einer spannenden eigenen Handschrift zusammen. Ein Album, dass vor Weltschmerz strotzt und uns in einen ungehorsamen Ausbruchmitreißt, zwischen Rausch und der Sehnsucht nach einer gedankenlosen Freiheit.
„Super Sonic Youth“ baut zu Beginn eine klangliche Spannung auf. Dröhnende Bässe, schrammende Gitarren-Sounds, repetitive Riffs und Drums, die nach vorne gehen. Dazwischen immer wieder a-tonal wirkende Noise-Einlagen mit Gitarren und Orgeln, die sich nach Rückkopplung, nach Lärm und Chaos anhören. Kontraste finden sich in weiten, fast orchestral klingenden Refrains („Keine Zukunft“ oder „Fremder Traum“) und zum Ende des Albums, wenn diemusikalische Spannung immer weiter abfällt – Mit Akustikelementen und einem Duett mit Lilli Belle, weicht sie einer nachdenklichen Melancholie.
In seinen Texten greift Nils Keppel immer wieder auf ähnliche Motive und Bilder zurück, die sich zu einem zusammenhängenden Thema verdichten: Das Gefühl einer Jugend, die an einem vorbeizuziehen scheint. Es geht um Drogen und ums High-Sein und um das Ringen mit den eigenen Träumen. Es geht um Ängste, um die Erkenntnis derUnvermeidbarkeit des Sterbens und um „tote Götter“.
„Super Sonic Youth“ ist sicherlich nichts für unbelehrbare Optimisten oder die eigene Feel-Good-Playlist: Es ist mehr der Soundtrack für eine Generation, die im Chaos einer schnellen und unterkühlten Welt erwachsen wird und die irgendwie versucht, damit klarzukommen. Und doch versinkt das Album nicht in einer starren Depressivität. Es zelebriertvielmehr eine jugendliche Leichtigkeit und eine rebellische Energie, im Angesicht düsterer Aussichten – ‚Lass dich treiben, Lass dich treiben, da ist eh, „Keine Zukunft“‘ singt Nils Keppel („Keine Zukunft“).
Kunstfigur Nils Keppel
„Super Sonic Youth“ wirkt wie ein ambitioniertes und durchdachtes Projekt. Das liegt nicht nur am runden und reifen Sound, der in Zusammenarbeit mit Lukas Korn (Mia Morgan, Drangsal), Anton Zimmermann (bohbi, Lilli Belle) und Magnus Wichmann (Blond) entsteht und der zum Durchhören des Albums animiert. Denn mit den drei bisher veröffentlichten Musikvideos zu „Keine Zukunft“, „Feuer“ und „Rebell“, gibt uns Nils Keppel die Gelegenheit, in eine weitere ästhetische Dimension seines wohl-kuratierten musikalischen Universums einzutauchen: Mal fährt er, in Schwarz-Weiß gehalten, in einem Cabrio durch die dahinziehenden Schlieren einer kalten Stadt. Benommen wirkt er, zwischen Schwindel und trunkener Nachdenklichkeit. Und mal steht er, als Matrose verkleidet, auf einer windigen Düne am Meer. Dort schwenkt er zwei Signalflaggen hin und her, in die Einsamkeit eines in Blau getauchten Strandes hinein.
Die Figur Nils Keppel wird zu einem Schausteller, der einen mit weißer Pudermaske und barockem Kostüm an Performance-Ikonen wie Ziggy Stardust oder Lindsey Kemp erinnert. Inspiriert von Elementen des japanischen Theaters, der Pantomime und des Balletts, schufen letztere in den 70er Jahren faszinierende Charaktere, die mit Geschlechterkonventionen brachen und den Raum für pop-kulturelle Kunstfiguren neu definierten.
Aber auch inhaltlich greift Nils Keppel in seinem Projekt nach den Sternen des Rock-Himmels: Nicht nur der Titel desAlbums ist natürlich ein Verweis auf die legendäre Noise- und No Wave Band „Sonic Youth“ – Ohne deren Einflüsse hätten wir wohl die Band Nirvana und den Grunge, so in ihrer Form nicht erlebt. Denn außerdem lassen sich in „Super Sonic Youth“, starke musikalische Referenzen an die New Yorker Band benennen: So erinnern beispielsweise die etwas versetzten Gitarren-Riffs im Refrain von „Natural Born Killers“, stark an den Sound deren Kult-Albums „Goo“. Daneben bekommt aber auch David Bowie ein offensichtliches Spotlight. In den Lyrics von „Keine Zukunft“, singt Nils Keppel augenzwinkernd: „Man hat uns mal gesagt, Wir werden Helden für ein Tag“.
