Foto: Lukas Gansterer
Nach gut vier Jahren Album-Pause sind Bilderbuch mit ihrer neuen Platte „∞+1” zurück. Auf dem neuen Longplayer zeigt die Band aus Österreich, wie sie sich auch nach 20 Jahren Bandkarriere ihrer musikalischen Identität nicht entziehen. Auf „∞+1” können sich Fans über zehn Songs gebündelten Bilderbuch-Sound freuen.
Es geht noch weiter!
„∞+1”, also „unendlich plus eins“, schließt an das „Gelb ist das Feld“-Album aus 2022 und die 2023-EP „Softpower“ an. Insgesamt ist es inzwischen das neunte Studioalbum der ehemaligen Schülerband. Die hat im Zuge des Release-Prozess’ auch eine große Veränderung hinter sich. Denn der langjährige Gitarrist Mike, der integraler Bestandteil des Sounds von Bilderbuch ist, hat die Band verlassen. Schwere Nachrichten für viele Fans, der Schmerz dürfte aber nicht mehr allzu schwer wiegen: Niemand geringeres als Uche Yara ist seit dem Sommer dieses Jahres Teil der Bilderbuch-Liveband und füllt die hinterlassene Lücke bei der Lead Gitarre.
Bei Bilderbuch geht es also weiter – auch wenn es nach 20 Jahren dann eben auch mal Veränderungen gibt. Das neue Album jedenfalls nimmt Fans mit auf eine Reise durch Vergangenes, Gegenwärtiges und auch ein Stück in die Zukunft. Wie eine Zukunft mit Bilderbuch klingt, konnten wir das erste Mal Ende Februar 2026 hören. Mit „Irgendwo“ gaben die Österreicher eine erste Hörprobe ihrer neuen musikalischen Erschließung. Es folgten die Singles „Push Reality“, „Zahlen als Beweis“ und zuletzt noch „Baby Junkie“.
Die Realität hinterfragen mit Bilderbuch
Das Bilderbuch zu einer der, wenn nicht sogar der innovativsten Bands der letzten Jahrzehnte gehört, dürfte vielen nicht neu sein. Die ständigen Stilbrüche und uneingeschüchterte Neugier musikalische Welten zu erschließen ist man zwar von Bilderbuch gewohnt, aber dennoch schafft die Band es, beim Hören von „∞+1” zu überraschen. Auch wenn ein elektronischer Sound von Bilderbuch per se nichts Neues ist, ist er auf dem neuen Longplayer mehr als nur Mittel zum Zweck. Gerade Songs wie „Unterwasser“ oder „Irgendwo“ manifestieren einen Elektro-Techno-Klang.
„Unterwasser“ bringt dabei auch die gewisse Melodik in „∞+1” und die übersteuerte Verzerrtheit. „Push Reality“ pocht eingängig vor sich hin und schiebt beim Hören in eine alternative Wirklichkeit. Dabei darf die einzigartige Gesangsart von Frontsänger Maurice nicht fehlen und einprägsame Gitarren-Soli bleiben ebenfalls nicht aus. Insgesamt schlagen Bilderbuch einen Weg zum „digitalen“ Sound ein. Aber die Band lässt sich natürlich auch nicht mit dem neuen Album in eine Schublade stecken und so gibt es auch rockigere Tracks wie „Wahrscheinlich War Es Der Lippenstift“. Besonders im Vergleich zum Vorgängeralbum „Gelb ist das Feld“, auf dem sanfte Vibes im Vordergrund standen, ist „∞+1” nun der konträre und extravagante Ausschlag dazu. Der Maximalismus reicht aber weiter als nur zur Musik.
Unendliche Möglichkeiten
All out – so dürfte Bilderbuchs Motto wohl lauten, wenn es um eine visuelle Umsetzung ihrer Songs geht. An die ikonischen Musikvideos wie „Maschin“, „Kitsch“ oder „LED go“ – hier könnten wir alle Musikvideos aufzählen – knüpft nun auch das neue Begleitmaterial zum „∞+1”-Album an. Ein Video-Dreh in der Arktis, bei dem die Band den Ausstieg von Gitarrist Mike mit Kübeln über den Köpfen verarbeitet. Nicht der Verlust von Mike als Mitglied wird Inszenierung, sondern der Erhalt von Bilderbuch als Band. Für „Baby Junkie“ ging es mit dem Mofa ans Meer. Die futuristischen, cleanen Eislandschaften werden Pendant zu dem warmen Sonnenuntergang. Die Ära des Maximalismus in der Bilderbuch an das große Ganze glauben. Keine halben Sachen, all out eben.
Eine vielfältige Lebendigkeit
Auf „∞+1” geben Bilderbuch einer Vielfalt an Themen Platz, die sich doch auf einen gemeinsamen Nenner zusammenfassen lässt. Ob es nun um zwischenmenschliche Beziehungen geht wie auf „Was in dieser Welt“ oder Vergänglichkeit wie bei „Unterwasser“ – es geht um Zweisamkeit, um Gemeinschaft, um die Liebe. Zwischen all der Liebe, die als Songinhalt oft ernüchternd sein kann, findet aber auch Gesellschaftskritik ihren Platz und bringt die nötige Abwechslung. „Oh du und dein Mama in Retreats/ Neue Nase, Neues Leben, OMG“ singt Maurice auf „Push Reality“ und weiter „Du kannst nicht glauben was du siehst/ also push reality“. Ein zentrales Thema ist auch Virtualität, „der Kopf in Magazins oder in Videogames“ und damit auch ein Mittel um das Zukunftsdenken, dass das Album schon im Titel „unendlich plus eins“ vermittelt zu transportieren. So gibt es Vielfalt und wenig Monotonie.
Auch wenn Bilderbuch auf dem neuen Album für eine musikalische Vielfältigkeit plädieren, scheint diese zumindest für Frontsänger Maurice Ernst nicht immer Früchte zu tragen. Im Zuge des Album-Releases gab der Musiker ein kontroverses Interview im österreichischen Standard, wo er seine Meinung unter anderem zu Ikkimel und Böhse Onkelz kundtut. „Es ist schade, dass die größten Acts der deutschen Musiklandschaft gerade einer Seite zuzuordnen sind. Da bekomme ich Gänsehaut, das hat etwas Faschistoides, egal von welcher Seite es kommt“, sagt der Sänger. Dieser Vergleich ist in Frage zu stellen, weil Böhse Onkelz tatsächlich Teil einer rechtsextremen Szene gewesen sind. Ikkimel wird aufgrund von Auftritten zwar stark mit dem linken Spektrum assoziiert, war aber nie Teil einer extremistischen Szene. Weiter im Detail wird darauf im Interview nicht mehr eingegangen. Wie Bilderbuch selbst, bleibt auch das Interview danach sprunghaft und handelt Themen von Musikindustrie – „Geld bleibt Geld und Macht ausnutzen ist Macht ausnutzen“ – bis Bilderbuch-Core ab.
„Ein Halleluja für Longevity“
Nach zwei Jahrzehnten bleiben sich Bilderbuch ihrem Erfinder-Sinn treu und schaffen es zu überraschen. Der Kern der Band, das Unerwartete, bleibt Fans trotz Veränderungen erhalten. Am Ende haben Bilderbuch über 20 Jahre einen Musikkatalog geschaffen, an dem sie sich selbst gar nicht messen können. Und trotzdem, auf ihre ungreifbare Art verpacken Bilderbuch kulturelle Artefakte unserer Zeit in ein Album, das am Ende doch einem klaren Konzept folgt. Vielfältigkeit ist schließlich auch ein Konzept – „∞+1”. Es gibt sie also, eine Unendlichkeit mit Bilderbuch.
