Victor Solfs „Aftermath“ als musikalische Rückmeldung nach HER

Victor Solf, Pickymagazine, Pickymagazin, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, Review, Victor Solf, Aftermath, Aftermath EP, Her music

Victor Solf veröffentlich seine grandiose Debüt EP „Aftermath“ nach dem tragischen Ende des französischen Duos HER. Ein bisschen melanolisch, ein bisschen soulig und ein bisschen gut. Die Review von Picky Anna liest du hier.

„Here’s to one who dreams, foolish as they may seem“

Das Musik-Duo HER aus Frankreich könnte manchen hier bekannt sein. Das Projekt, das 2015 gegründet wurde, bestand aus den Freunden Simon Carpentier und Victor Solf. Mit zwei EPs voll ehrlicher berührender Musik haben sie sich eine anschauliche Fanbase erspielt. Als Simon im August 2017 an Krebs verstarb, war ihr Debüt-Album schon fast fertig und eine Tour geplant. Obwohl der Schock tief saß, erfüllte Victor den letzten Wunsch seines Freundes und führte ihr Projekt HER fort: Das self-titled Album erschien im März im darauffolgenden Jahr und auch die Tour spielte Victor ganz im Andenken und im letzten Wille seines Bandkollegens. Das Album, welches ich euch an dieser Stelle stark empfehlen möchte, ist eine angenehme Mischung aus einer elektronischen Produktion und soulhaften Melodien und hat sogar (Achtung Geheimtipp für Henning May Fans) ein Feature mit Annenmaykantereit.

Nach der Tour sollte sich das Kapitel HER für Victor Solf dann aber endgültig schließen und er nutzte die Zeit, um sich selbst in einem neuen Solo-Projekt wieder zu finden. Dieses kam am Freitag raus und wird nun von mir für euch in all seinen musikalischen Feinheiten vorgestellt.

Hero

Das erste Lied der EP Aftermath ist Hero, ein Opener, der einen garantierten Ohrwurm (der guten Art) verspricht. Victors unverkennbare sanfte Stimme wird mit einem souligen 86bpm Beat kombiniert und ich liebe es schon nach 10 Sekunden. Es baut sich sehr ruhig auf und trägt mich melodisch in den leicht poppigen und doch simplen Refrain. Die Lyrics sind minimalistisch und werden wiederholt, aber sagen doch so viel aus. Es geht um das Bedürfnis, jemanden, den man liebt, zu schützen, ihm Sicherheit zu bieten und sich für ihn, mit Maske wie ein echter Held, den Gefahren des Lebens zu stellen. Natürlich ist es an dieser Stelle reine Mutmaßung meinerseits, aber ich kann nicht anders, als an Simon zu denken. Wenn man jemanden, der einem so viel bedeutet, verliert an etwas, dem gegenüber man völlig wehrlos steht, wäre man doch viel lieber ein Held und würde all das verhindern.

Ich möchte an dieser Stelle auch nicht zu viel darüber philosophieren, sondern konzentriere mich lieber viel mehr auf die rhythmische Melodie von Hero. Sie lässt mich fast tiefenentspannt zurück, beeindruckt von Victors Stimmumfang und mit einem kleinem Ohrwurm.

Stone House

Das zweite Lied der EP fängt ebenfalls mit Victors weicher Stimme an, die begleitet wird von einem sehr ruhigen Klavier. Stone House klingt nach Geborgenheit und Sicherheit, nach einem „lay your head on my shoulder and let your heart speak“. Es klingt nach einem verregnetem Sonntag, nach weichen Decken auf der Couch und einer leichten Melancholie.

Die erste Strophe lässt mich ein bisschen traurig zurück, aber das ändert sich mit dem überraschenden Break, der mit einem tiefen Bass einsetzt und mich daran erinnert, dass auch auf Aftermath elektronische Einflüsse zu erwarten waren. Doch anstatt dem Song etwas zu nehmen, gibt es ihm mehr Energie ohne sich vor die tiefgründigen Texte zu stellen. Die Melancholie bleibt erhalten, das Sonntagsgefühl ebenfalls. Stone House bleibt ruhig und geborgen, und wird dabei nicht langweilig. Im Gegenteil: Victor macht seine Stimme zu einem Instrument, legt mehrere Harmonien aufeinander und verleiht dem Song somit auch noch mehr Tiefe. Auch hier bin ich wieder beim ersten Mal hören direkt überzeugt worden. Ich höre mich weiter durch die EP, doch würde am liebsten jetzt schon direkt Repeat drücken.

Traffic Lights

Der dritte Track Traffic Lights fängt an mit einer leicht verspielten Klaviermelodie, die schnell und ruhig zugleich klingt. Victor singt hier von Abschied nehmen, dem Gefühl von bleibender Trauer und Akzeptanz. Jedenfalls ist das, was ich an dieser Stelle hinein interpretieren würde. Es kommen mehrere kleine hohe, leicht verspielte Klaviertöne hinzu, die fast klingen, als würden sie eine Geschichte erzählen. Ich lasse mich von der Geschichte mitnehmen und begebe mich mit auf die Reise, die kommt, wenn es keine Traffic Lights mehr gibt.

Victor Solf, Pickymagazine, Pickymagazin, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, Review, Victor Solf, Aftermath, HER music, Aftermath EP
© Antoine Henault

Wo diese hin geht, und was für eine Metapher Victor hier machen will, kann ich nicht genau sagen, für mich steht sie aber für das Leben nach dem Tod. Es ist traurig, aber irgendwie auch okay. Es ist der Lauf des Lebens. Wenn plötzlich jemand Nahstehendes stirbt und man selbst mit so vielen offenen Fragen und Gefühlen zurück bleibt, muss man einen Weg finden, damit umzugehen. Ich glaube, Victor hat diesen Weg in dieser EP gefunden.

Doch bevor ich mich in diesen philosophierenden Fragen komplett verliere, verändert sich die Energie des Liedes komplett. Ein erneut stark im Vordergrund stehender Beat bricht alles auf, das Klavier weicht mehreren Harmonien und den im Chor gesungenen Zeilen: „And we just want love and happiness, that’s all we need”. Es ist wie ein hoffnungsvolles Outro eines relativ traurigen Songs, das dann auch sehr abrupt endet.

The Salt of the Earth

Der eigentlich letzte Song der EP (denn danach kommt nur noch ein Instrumental von Traffic Lights) heißt Salt of the Earth und wird auch wieder von Victors heller Stimme eröffnet. Nach fast einer Minute, in der ich mich wieder auf ein ruhiges Lied einstimme, gibt es wieder einen Geschwindigkeitswechsel und wir sind wieder bei catchigen 84bpm. Die bpm Anzahl ist hier für diejenigen, die sowas interessiert (wie mich zum Beispiel). Ich finde es überraschend schön, dass es keine ruhige EP geworden ist, was es durchaus hätte werden können, sondern sich immer wieder elektronische Upbeats in die Songs finden. Beim Refrain bin ich tatsächlich schon leicht am Mitschwingen, die Melancholie schwindet einem angenehmen Gute-Laune Song. Auch hier baut Victor wieder ruhige Breaks ein, die dann wieder dem souligen Beat weichen. Ich kann euch auch dieses Lied guten Gewissens weiterempfehlen.

Bild dir deine eigene Meinung und hör dir Aftermath an einem ruhigen Abend selbst an:

Vielleicht gefällt dir auch...

picky Anna

Hey, ich bin picky Anna und habe hier einen Ort gefunden, über meinen Musikgeschmack zu schreiben. Neue Musik zu entdecken ist eine Leidenschaft von mir und vielleicht auch dir, so we're in for a ride.