Kaltenkirchen mit bittersüßem Debüt: Im Namen der Liebe

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Am 27.12.2019 veröffentlichte Kaltenkirchen sein Debüt-Album Im Namen der Liebe. In 11 Songs werden wir mitgenommen auf eine Reise in die 80er, voll von Kummer, Verlust und Wut – am Ende aber irgendwie auch Zuversicht. Die komplette Albumreview von Picky Jule liest du hier.

Ich war 2019 wohl auf kein Debüt-Album mehr gespannt als auf das von Philip Maria Stoeckenius, better known as Kaltenkirchen. Vollständigerweise möchte ich aber auch Steffen Geldner, der Kaltenkirchen inzwischen auch managt, und Niklas Pichler, der sowohl Ein-Mann-Liveband als auch Produzent ist, erwähnen. Denn die beiden sind irgendwie auch Kaltenkirchen – vergleichbar mit Max Gruber als Drangsal und der Gruppe Drangsal.

So Leute, los geht’s. Mit Liebe auf dem Klavier starten wir die Platte. Der Song handelt von einer leidenschaftlichen Romanze, die zu einer tiefen Verbindung verschmelzen zu scheint. Bis einer merkt, dass der andere es irgendwie doch nicht so ernst meint. Diese Geschichte singt Kaltenkirchen in solch einer Dramatik, dass ich das Gefühl habe, dass er diese Story genau in diesem Moment erlebt. Mit all der Liebe und all dem Schmerz. Das nicht weniger dramatische Instrumental tut da sein Übriges. I like.

Weiter geht’s mit Die Lichter. Und da passiert es: Ich frage mich, ob Kaltenkirchen uns eigentlich verschaukeln will. Ich bin mir während Die Lichter sicher, dass er eigentlich schon 50 Jahre alt ist und nun die Hits, die er als Jugendlicher 1986 geschrieben hat, unters Volk bringt. So authentisch klingt der Sound für mich. Und als im Jahr 1992 Geborene weiß ich genau, wovon ich spreche. Zweiter Song des Albums und ich bin überaus positiv überrascht. So kann’s weitergehen…

Vorsorglich schon mal tief durchatmen!

Du und Ich (1990) und ist der Song, auf den ich am meisten gespannt war. Vorab hat Kaltenkirchen auf Instagram erzählt, dass es darin um seine Eltern geht, die 1990 eine Fehlgeburt zu verkraften hatten. Schluck… Schwere Kost… Da Kaltenkirchen seine Songs bisher mit 300 % Leidenschaft interpretiert hat, befürchte ich hier gleich einen mental breakdown.

Du trägst die Frucht unserer Zweisamkeit in deinem Bauch.
Die Engel nehmen sie dir weg.
Du nimmst es wahr wie im Rausch.
Du versuchst es dir zu erklären, warum das Kind in dir starb.
Ich nehme dich bei der Hand, bis dort wo noch niemand war.

Diese Zeilen lasse ich einfach für sich stehen. Ich bin höchst aufgewühlt, dieses Lied ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich hoffe inständig, dass der nächste Song mich wieder ein bisschen runterholt…

Track 4 des Albums ist (zum Glück) der Gassenhauer Harry Haller, den viele wohl besonders nach dem Video mit Mia Morgan und Drangsal lange im Ohr hatten. Ihr wisst schon, „zwei Seelen kämpfen in meiner Brust“ und so. Gute Texte brauchen wohl nicht immer eigenen Hirnschmalz. Manchmal ist es auch schön, die Lyrik eines anderen musikalisch zu verpacken. Die von Goethe zum Beispiel. Den hat Kaltenkirchen hier nämlich zitiert. Harry Haller ist wahrscheinlich der Song, der vielen Leuten Bock auf seine Musik gemacht hat. Ich jedenfalls singe jetzt für die nächsten Tage wieder leise „zweiiiisaaaam ist besser als einsam“ vor mich hin.

Kaltenkirchen, we’re going down

Der nächste Song heißt Phase Null und ist wohl der seelische Tiefpunkt dieses Albums. Es geht um jemanden, der offensichtlich gerade nicht so ‘ne geile Zeit hat. Ob Philip hier von sich selbst erzählt? Er hat schon öfter erzählt, dass Kaltenkirchen das Ventil für seine eben kalte und depressive Seite ist. Trotz des schweren Themas ist der Synthie-Sound in Phase Null (wie bei allen Songs bisher) sehr melodisch und energiegeladen. Ich habe im Moment eine ziemlich gute Zeit. Vielleicht konzentriert sich mein Kopf deshalb auch eher auf den Beat, als auf den Text, der aber auch wieder unschlagbar ist:

Und die Zynik lässt dich immer tiefer fallen
und vernebelt den Verstand.
Denn du hast dich im Verharren und im Trinken
in der Nichtigkeit verrannt.

In Die Wolke werden sich wahrscheinlich viele Leute wiedererkennen (und es nicht zugeben). Wir, die wir in einer Gesellschaft leben, in der uns unser Look auf Social Media oft wichtiger ist, als das Wohlergehen unseres Gegenübers in der realen Welt. Kaltenkirchen kritisiert in Die Wolke lautstark unsere gesellschaftliche Entwicklung. Diese Kritik wird eingehüllt von einem heftigen 80er-Pop-Sound, der super innovativ klingt. Ich möchte dieses Lied einfach ganz doll umarmen!

Im ersten Moment hat mich Gib mir Deine Hand geschockt. Kaltenkirchen haucht mir hier im feinsten ASMR-Style ins Ohr. Gänsehaut. Aber nicht die gute, sondern die komische. Der Song selbst entwickelt sich ziemlich schnell zu einem melodischen Feuerwerk. Auch wenn wir uns textlich wieder doll im Dunkeln bewegen: „Gib mir Deine Hand und lass Dich von mir ziehen“ ist ja wohl mal einer der aufmunternsten Sätze, die man einem anderen sagen kann. Der prägnante E-Gitarren-Riff in diesem Song gefällt mir richtig gut. In Kombination mit der Chipmunk-Stimme (das nennt man seit 2005 nicht mehr so, oder?) ist das ein Song, der etwas vereint, was meine Ohren so noch nie gehört haben.

Das Ziel ist (leider) in Sicht

Von Song zu Song werde ich betrübter, weil ich mich langsam dem Ende nähere. Und Testosteron befeuert dieses Betrübtsein dann auch noch. Die Synthies in diesem Song gefallen mir bisher am besten von allen. Und ich bemerke zum wiederholten Mal, dass ich die Wortwahl in den Texten von Kaltenkirchen wirklich unfassbar bewundere. Ich fühle das Hin- und Hergerissensein mit jeder Sekunde des Songs mehr.

Kaltenkirchen hat uns letztens im Interview erzählt, was ihn zu dem Song Wir sind das Volk inspiriert hat, der als nächstes läuft. Der oftmals schwierige Grat von Toleranz zu Akzeptanz. Das Gefühl, alles umkrempeln und ändern zu wollen, aber nicht bei sich selbst anzufangen. Wir sind das Volk ist ein Hinhörer für alle New-Wave-Lover. Auch hier triggert er mich wieder mit den Emotionen in seiner Stimme – ich fühle mich, als müsste ich jetzt mit ihm auf den Tisch hauen!

Kommen wir zum Titelsong der Platte, der an vorletzter Position des Albums gelandet ist: Im Namen der Liebe. Viele von uns kennen das. Man liebt, obwohl man weiß, dass es keine Zukunft haben wird. Und? Trennen wir uns dann von dem Traum? Nö, oftmals nicht. Anders hier: Es wird bemerkt, dass man nicht mehr so begehrt wird, wie es einmal war.

Im Namen der Liebe verlasse ich dich.
Nicht weil ich das so möchte,
es ist die Pflicht die aus mir spricht.

Nun ist es so weit, der letzte Song: Demonstration. Dieser ist ein reines Instrumental. Ich kenne mich mit elektronischer Musik nicht so gut aus, aber sind das Technobeats? Wie auch immer. Ich feier es irgendwie. Guter Song für mich, um nach dem emotionalen Auf und Ab wieder runterzukommen. Und ein guter Song, um den Sound dieses Albums zu würdigen.

Im Namen des Fazits

Ich hatte im Vorfeld irgendwie versehentlich ziemlich hohe Ansprüche an Im Namen der Liebe. Soweit ich das beurteilen kann, mag ich Kaltenkirchen bzw. Philip als Menschen total gerne. Ich bilde mir ein zu sehen, was für ein kreativer und schlauer Kopf er ist. Und was soll ich sagen: Ich bin absolut hyped. Im Namen der Liebe ist eines der besten Debütalben, die ich jemals gehört habe. Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal auf Niklas Pichler zurückkommen, der hier als Produzent unfassbar geil abgeliefert hat.

Alle Songs erzählen auf wunderschön lyrische Art und Weise die bittersüßen Aspekte der Liebe, des Lebens und des Seins. Ohne mir jedoch auch nur ansatzweise ein schlechtes Gefühl zu geben. Ganz im Gegenteil. Durch die dynamischen Beats und die vielen unterschiedlichen Synthie-Sounds verkauft Kaltenkirchen geschickt seine durchaus kritischen und schwermütigen Texte. Er hat mit Im Namen der Liebe etwas erschaffen, was es (jedenfalls in meiner Bubble) so bisher noch nicht gegeben hat.

Zum Glück steht im Februar 2020 auch noch eine kleine (von Pickymag präsentierte) Tour an, auf der du Kaltenkirchen zusammen mit Trille live sehen kannst. Alle Infos dazu findest du hier.

Wenn du bis zur Tour textsicher sein möchtest, dann kannst du dir Im Namen der Liebe hier anhören:

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picky Jule

Aloha, ich bin Jule und ziemlich picky. Und genau deswegen berichte ich hier mit viel Liebe über die Musik deines zukünftigen Lieblingskünstlers. Fasziniert, leidenschaftlich und immer frei raus :) #sendnoods