Kaltenkirchen im Interview: „Über einen Monat habe ich nicht an Musik gedacht“

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Letzte Woche hat Kaltenkirchen seine neue Single „Gehst du davon“, ein lovely Feature mit Mine, veröffentlicht. Picky Jule hat sich mit Philip kurz vor Release in Berlin getroffen und mit ihm über die Entstehung des Songs, OG Keemo und über psychische Struggles während Corona gesprochen. Das ganze Interview mit kleiner Review lest ihr jetzt.

Als ich den Song das erste Mal gehört habe, war ich überrascht. Denn was mir sofort aufgefallen ist: Er klingt doch irgendwie anders als die auf seinem Debütalbum „Im Namen der Liebe“ (zur Review here entlong). „Gehst du davon“ ist poppiger und weniger düster, verzichtet aber trotzdem nicht auf die Kaltenkirchen-typischen Synthies – der Sound hat sich quasi einen frischen Schlüppi angezogen.

Let’s talk about „Gehst du davon“

Jule: War es eine natürliche Weiterentwicklung, dass „Gehst du davon“ poppiger geworden ist, explizit gewollt oder ist es aus Versehen passiert?

Kaltenkirchen: Das Album war noch so „Philip bestimmt alles“, mit 10 % kreativem Zutun von Niklas. Ich habe mich schwergetan Alternativen einzugehen, weil das Album meine persönliche Geschichte erzählt. Aber jetzt sind wir mit Kaltenkirchen an einem Punkt, wo wir die Dinge wirklich gemeinsam machen. Der Einfluss von Niklas, der eine unglaublich gute Pop-Affinität hat, die aber nie kitschig wird, hat in den neuen Sachen einfach voll gefruchtet.

Jule: Wann war dir klar, dass Mine die Richtige für den Feature-Part ist?

Kaltenkirchen: Wir haben uns ja bei dem Möse Onkelz-Projekt kennengelernt und uns auf Anhieb richtig gut verstanden. Wir sind uns im Nachhinein auch aufgrund der Thematik des Songs irgendwie einig, dass wir Skrupel haben, uns in neuen Runden direkt zu entblößen und über den eigenen Schatten zu springen. Das ist mir mit ihr aber so leichtgefallen und sie ist mir nach ein paar Minuten schon super sympathisch gewesen. Irgendwie sind wir durch den lustigen Dialekt ausm Schwabenland, den wir beide sprechen können, auch miteinander verbunden. Sie ist ein ganz interessierter Mensch und ich habe mich direkt gewertschätzt gefühlt und außerdem finde ich, dass sie eine mega Songwriterin ist.

Dieser letzten Aussage kann ich vollends zustimmen. Dazu singt Mine singt ihren Part so lässig resigniert und setzt der Stimmung des Songs damit noch einmal die Krone auf.

Meine Magengrube schlägt mir ins Gesicht
Ich seh, dass etwas nicht cool ist
Einmal check ich dich und dann check ich dich nicht
Als ob was in deinem Blut ist

Wie „Gehst du davon“ entstanden ist

Kaltenkirchen: Ich hatte den Song schon ein halbes Jahr im Gepäck und wusste nicht so genau, was ich damit machen soll. Die erste Strophe und der Refrain waren ready, aber es fehlte einfach noch Text. Ich habe Mine davon erzählt, sie hat ihn sich angehört und war direkt so „Oh mein Gott, ja ich bin dabei“. Dann hat sie mir innerhalb von zwei Stunden oder so die zweite Strophe geschickt. Und das war einfach genau das, wie ich wollte, dass der Song weitergeht. Das war so unkompliziert, dass relativ schnell klar war, dass wir den auf jeden Fall rausbringen.

Es geht um zwischenmenschliches Wirrwarr und die Unwissenheit, weil man sich mal wieder nicht getraut hat, nachzufragen. Die Strophen sind gewohnt stark und die Worte so gewählt, dass sie genug Raum für eigene Interpretationen bieten.

Wir tun uns wieder viel zu schwer
Zu wissen, wo wir hingehören
Manchmal gibst du mir die Zuversicht
Die Ketten bricht, die Ketten bricht

Kaltenkirchen: Das Lustige war eigentlich, dass diese Wörter kein spezielles Konzept hatten. Ich habe mir einfach eine Situation vorgestellt: Ich laufe als 17-jähriger in meinem Heimatdorf von einer Homeparty nach Hause und bin voll mit jugendlichem „Fuck, was will ich eigentlich im Leben und wer bin ich?“. Und dann hat Mine ihre Strophe dazugetextet und das hat dann eigentlich erst den Sinn von „Gehst du davon“ ergeben. Ich habe dann die erste Strophe, nachdem ich ihre Strophe, die sie ja anhand der alten ersten Strophe geschrieben hat, noch einmal umgeschrieben. Das war ein ganz natürlicher Lauf.

*Jule macht einen Break, weil ein sau süßes Eichhörnchen an unserem Tisch vorbeispaziert*

Kaltenkirchen: Wir sind einfach so eine sympathische Runde, dass sich sogar ein Eichhörnchen zu uns gesellen will (lacht).

Wenn nicht mit Pop, dann mit der Pumpgun

Jule (lacht): Okay, weiter im Text. Nachdem du dich in den Facetten des Pops ausprobierst: Gibt es noch andere Genres, in denen du dich mal ausleben wollen würdest?

Kaltenkirchen: Aktuell ist unser Ding so fiese Rap-Beats (lacht). Ich habe in letzter Zeit viel Kummer gehört, das hört man auch ein bisschen bei „Gehst du davon“ an der trapigen Bassline. Man soll sich ja auch nicht einem Zwang versetzen, immer so zu klingen wie man mal geklungen hat, wenn es halt neue Musikgewohnheiten gibt. Ich habe auch gerade einen Song geschrieben, bei dem ich mir sehr wünsche, dass OG Keemo einen Feature-Part macht – also falls du das liest… (lacht).

Jule: Während Corona hast du zwar „Gehst du davon“ ready gemacht. Aber wie hast du die Lockdown-Zeiten sonst so erlebt? Warst du eher gehemmt oder sprudelte die Kreativität?

Kaltenkirchen: Ich hatte krasse Phasen. Erst dachte ich so „perfekt, du kannst sau viel machen jetzt“. Aber dann habe ich im Mai Panikattacken bekommen und mich in Behandlung begeben. Seitdem nehme ich Medikamente, die machen vieles wirklich besser. Aber man ist dadurch auch oft matt und müde, das hemmt natürlich die Kreativität. Über einen Monat habe ich nicht an Musik gedacht. Jetzt setze ich mich wieder mehr damit auseinander und bin auch wieder ziemlich kreativ. Es gibt momentan noch Tage, die mal so und mal so sind. Aber es ist viel besser so, als unbehandelt. Und ich bin froh, dass ich mich darauf einlassen kann. Es passiert einfach. Bei Problemen mit der Leber oder einem gebrochenen Bein geht man ja auch zum Arzt, aber scheut sich davor, sich bei psychischen Problem behandeln zu lassen. Dabei ist das völlig normal und sollte auch viel transparenter besprochen werden.

Jule: Wie hat sich das bei dir geäußert?

Ich wusste erst gar nicht, dass ich das habe. Aber es wird schnell eine körperliche Sache, du kriegst Herzrasen, fängst an zu schwitzen und spannst dich total an. Ich glaube, das betrifft sehr viele Leute, die Kunst machen. Ich habe mit vielen darüber gesprochen und die meinten nur so „wait a second, mir ging es letztes Jahr genauso“. Sowas kann dich aber auch schnell in eine scheiß Spirale treiben.

Jule: Dann wünschen wir dir (und allen anderen!), dass es wieder oder weiter bergauf geht.

Kaltenkirchen: Ja, auf jeden Fall. Wenn du das nicht behandeln lässt, kann eine Panikattacke eben auch dazu führen, dass du Angst hast weiterzuleben. Ich persönlich hatte zwar nicht vor, aus dem Fenster zu springen oder, aber ich habe einfach nicht mehr gespürt, wer ich bin. Jetzt geht es mir aber immer besser und das ist fein.

Jule: Du weißt, was jetzt kommt, ne? Like always gibt’s jetzt deinen blank space, mit dem du tun und lassen kannst, was du willst.

Kaltenkirchen: Ich möchte diesmal auf Organisationen aufmerksam machen, die unsere Aufmerksamkeit und Hilfe brauchen. Ich lasse euch einfach mal drei Links da, mit denen ihr euch austoben könnt.

https://secure.actblue.com/donate/ms_blm_homepage_2019
https://sea-watch.org/spenden
https://chuffed.org/project/beckys-bathhouse

Und wenn ihr euch artig durchgeklickt habt, könnt ihr euch noch das Video zu „Gehst du davon“ anschauen, welches the great Luis Vidal gedreht hat. Viel Spaß!

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picky Jule

Aloha, ich bin Jule und ziemlich picky. Und genau deswegen berichte ich hier mit viel Liebe über die Musik deines zukünftigen Lieblingskünstlers. Fasziniert, leidenschaftlich und immer frei raus :) #sendnoods