Betterov im Interview: „Krass, das hören jetzt auch Leute“

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Betterov hat letzten Monat seine Debüt-EP Viertel vor Irgendwas veröffentlicht. Im ausführlichen Interview mit Picky Jule erzählt er u.a. über den Entstehungsprozess der EP, seine Musikvideos und löst das Rätsel um die Schwarzwälder Kirschtorte.

Ich habe ja bereits ausführlich über die Debüt-EP von Betterov referiert (die Review findest du hier). Kurz nach dem Release habe ich mit dem Wahl-Berliner ein bisschen gequatscht – natürlich social-distancing-mäßig am Telefon. Was ich aus ihm so rauskitzeln konnte, lest ihr jetzt. Viel Spaß! 🙂

Betterov im Interview

Jule: Hey, Betterov. Schön, dass du Zeit für uns gefunden hast. Fangen wir direkt an: Das Release-Konzert, bei dem du in Viertel vor Irgendwas reinfeiern wolltest, konnte aus allseits bekannten Gründen nicht stattfinden. Wie hast du den Release-Day stattdessen verbracht?

Betterov: Tagsüber habe ich einfach Musik gemacht. Ich saß halt so Zuhause rum – man ist aktuell ja auch ein bisschen eingeschränkt und die Möglichkeiten echt begrenzt. Ich hätte den Tag ansonsten mit Sicherheit anders verbracht. Am Ende habe ich auf jeden Fall recht viel Wein getrunken. (lacht)

Jule: Wie ging es dir denn, als du die fertige EP das erste Mal gehört hast? Hast du diesen Moment irgendwie „gefeiert“?

Betterov: Ich hatte diesen Moment von „das ist jetzt fertig“, als ich vom Studio nach Hause gefahren bin, nachdem ich den Gesang aufgenommen hatte. Das ist so doof irgendwie, aber ich saß so da und dachte nur: „Krass. Das ist jetzt fertig. Das geht jetzt nach draußen. Das hören jetzt auch Leute“. Das war ein sehr aufregender Moment. Aber als die Platte dann richtig fertig-fertig war, hatte ich das nicht mehr so.

Über das Leben auf dem Land

Jule: Es geht in Viertel vor Irgendwas viel um das Leben auf dem Land. Du bist ja auch ein Dorfkind, lebst aber seit einigen Jahren in Berlin. Wie war die Umstellung für dich – ein Kulturschock oder bist du gut klargekommen?

Betterov: Das war ganz schwer für mich und die Umstellung ist auch immer noch nicht vorbei. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich versucht, das Leben vom Land 1 zu 1 auf das Leben in der Stadt zu projizieren. Ich komme aus der Rhön, das ist so’n Mittelgebirge. Da bin ich halt immer die kleinen Berge hochgelaufen, wenn mich was genervt hat oder so. Und wenn ich dann auf dem Berg stand und mir das Ganze so von oben angeguckt habe – das klingt jetzt sehr pathetisch, und das ist es auch, aber dann war alles irgendwie nicht mehr ganz so schlimm. In Berlin musste ich dafür plötzlich eine ganz andere Übersetzung finden. Das war sehr schmerzhaft, aber ab einem gewissen Zeitpunkt auch cool, weil es mich extrem weitergebracht hat.

Jule: Also würdest du schon sagen, dass deine Texte eher autobiografisch sind? Mehr, als dass du ein Geschichtenerzähler bist?

Betterov: Es ist irgendwie beides. Ich versuche, wenn ich etwas Autobiografisches schreibe, wie z.B. den Song Das Tor geht auf, das in eine Geschichte einzubetten, das ist mir schon wichtig. Ich weiß nicht, wie interessant mein Privatleben ist – ich würde mal schätzen, dass es wohl nicht albumfüllend wäre. Es interessiert mich auch viel mehr, etwas autobiografisch zu erzählen, vielleicht Probleme aufzuzeigen und das eben in eine Geschichte zu verpacken. Und wenn mir das gelingt, dann wäre das cool!

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Über die Produktion, Einflüsse und Ansprüche

Jule: Ich finde, dass der Sound der EP eine sehr klare Linie hat. Gab es besondere Einflüsse, durch die sich diese Linie entwickelt hat?

Betterov: Das ist schon eine sehr stringente Platte, das stimmt. Das liegt aber hauptsächlich auch an Tim Tautorat, der sie mit mir produziert hat. Wenn die Sperenzien in meinem Kopf zu groß wurden, hat er dann einfach gesagt: „Nee, sollten wir jetzt vielleicht nicht tun“. Ansonsten gab es auch Einflüsse: Ich bewundere die Smiths wahnsinnig. Das, was die gemacht haben, das gab es nur einmal und das gibt es nie wieder. Wie auch das Album Stadtaffe von Peter Fox. Der hat damit einfach etwas ganz Eigenes geschaffen. Selbst wenn Leute sich vornehmen, das nachzuahmen, sie werden diesen Status nicht erreichen. Sowas habe ich mir ein bisschen als Richtung gesucht – es sollte eine Platte werden, die Kraft hat, nach vorne geht und Themen beschreibt, die es vielleicht noch nicht so häufig in deutschen Texten gibt. Das würde ich dann aber vielleicht nicht „Einfluss“, sondern „Anspruch“ nennen.

Jule: Gibt es jemanden, mit dem du gerne mal zusammenarbeiten wollen würdest?

Betterov: Ich bewundere Herbert Grönemeyer sehr. Ich finde den extrem klug, auch abseits der Musik. Er ist natürlich auch schon wahnsinnig lange dabei und weiß ganz viel. Den finde ich sehr beeindruckend, das würde mich sehr interessieren. Ansonsten, hmm. Er ist jetzt der Erste, der mir spontan einfällt. Der ist schon ziemlich gut.

Über seine Musikvideos

Jule: Ein Aspekt, der dich auch sehr ausmacht, sind deine Musikvideos. Wie wichtig sind dir die Videos, auch bezogen auf deinen Schauspiel- und Theater-Hintergrund?

Betterov: Die Videos sind mir schon sehr wichtig. Das ist natürlich auch super, wenn du die Geschichte des Songs mit dem Video nochmal komplett erzählen kannst. Das ist auch das Tolle an dem Beruf, den ich gerade habe. Es geht, na klar, um die Musik und die Texte. Dann kommt es aber auch darauf an, eine Bildsprache zu entwickeln, die Kostüme zu entwerfen – das ist eigentlich exakt dasselbe, was im Theater stattfindet, nur dass hier alles von mir ausgeht. Das ist natürlich eine krasse Verantwortung und es gibt sehr viel zu tun. Auf der anderen Seite hat man auch eine unglaubliche künstlerische Freiheit – nämlich alle Freiheit. Und das ist ein riesengroßes Glück.

Jule: Das heißt, die Konzepte für die Videos kommen auch aus deiner Hand?

Betterov: Nicht ganz. Ich arbeite mit Michél Almeida zusammen – der macht u.a. auch Videos für Fil Bo Riva. Mit ihm funktioniert das wahnsinnig gut. Wir brainstormen gemeinsam, entwickeln Ideen, dann zieht sich langsam die Schlinge zu, die Ideen werden immer klarer. Am Ende haben wir dann ein Konzept und das ziehen wir durch. Michél hat auch einfach schon sehr viele Musikvideos gemacht und kann daher z.B. auch sagen „ist ’ne super Idee, aber technisch nicht umsetzbar“, da fehlt es mir oftmals ein bisschen.

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Jule: Aber manchmal sind auch die einfachsten Ideen nicht so leicht umzusetzen, oder? Ich spiele hier explizit auf das Video zu Angst an.

Betterov: Ja, bei dem Video zu Angst war das wirklich gar nicht so einfach. Dreieinhalb Minuten in One-Take zu versuchen einen Pullover auszuziehen, der die Angst symbolisiert, aus der man nicht rauskommt. Und das Kuriose daran ist eben: Der Pullover ist ein Alltagsgegenstand – warum kommt er da nicht raus? Super geile Idee in der Theorie, aber mega schwer umzusetzen (lacht). Wenn du es nicht glaubwürdig hinbekommst darzustellen, dass du nicht aus diesem Pullover rauskommst, wird es nicht nur ein schlechtes Musikvideo, dann geht einfach das ganze Konzept nicht mehr auf. Die Idee ist weg und es gibt dann faktisch kein Musikvideo mehr. Da war es auch total wichtig, dass Michél und ich gut zusammengearbeitet haben – wir haben immerhin um die 40 Durchläufe gebraucht, bis ein Take dabei war, mit dem wir letztendlich zufrieden waren.

Über die Bedeutung der Torte und seines Künstlernamens

Jule: Was hat es eigentlich mit der Schwarzwälder Kirschtorte auf sich? Ist sie nur ein Signature-Ding oder hat sie eine tiefere Bedeutung?

Betterov: Sie ist schon ein Signature-Ding und entstand für das Video zu Dynamit. Wir dachten es wäre cool, ein Mond-Video zu machen. Aber ohne große Handlung, sondern eher so David-Lynch-artig, wo es um Bilder geht, über die man so komisch in eine Situation geworfen wird. Dann war die Idee, dass die beiden Protagonisten irgendwas finden müssten und zwar etwas, was da überhaupt nicht hingehört – so kam es zur Schwarzwälder Kirschtorte. Wir fanden es dann witzig, wenn sich diese Torte durch jedes Video zieht, aber erst im letzten Video zu Irrenanstalt im richtigen Kontext auftaucht – nämlich auf einer Familienfeier, da wo sie in ihrer natürlichen Umgebung hingehört (lacht).

Jule: Wo wir gerade bei Bedeutungen sind, kommen wir mal zu deinem Künstlernamen. Was bedeutet „Betterov“?

Betterov: Der Name kommt von einer Figur aus der dänischen Filmreihe Die Olsenbande. Das sind drei sehr gut angezogene Ganoven, die krumme Dinger drehen, die eigentlich immer schief gehen. Diese Filme waren in der DDR sehr populär, deshalb flogen sie bei uns Zuhause auch immer rum und ich habe sie als Kind echt abgefeiert. In einem dieser Filme gibt es einen Betterøv – wird wohl eher „Betterö“ ausgesprochen. Ich fand diesen Namen aus vielen Gründen wahnsinnig passend. Ich habe ihn dann irgendwann eingedeutscht, indem ich das skandinavische ø gegen ein o ausgetauscht habe. Das witzige an der Figur Betterøv ist auch, dass sie höchstens zweimal trottelig durch’s Bild läuft und einfach total unbedeutend ist (lacht). Man muss echt richtig Recherche betreiben, bis man herausfindet, wie sie überhaupt heißt. Ich fand das irgendwie gut, sich nach einem Statisten zu benennen und nicht nach einer Hauptfigur oder jemandem, der richtig was reißt (lacht).

Jule: Am Ende eines Pickymag-Interviews gibt es immer einen Blankspace, wo man alles sagen kann, was man will. The stage is yours:

Betterov: Jetzt gerade ist es einfach nur: Bitte bleibt Zuhause!

Jule: Perfekt, das kann man aktuell echt nicht oft genug sagen! Vielen Dank für das sehr lustige und aufschlussreiche Interview!


Übrigens: Das oben angesprochene, im März ausgefallene Release-Konzert wird am 25.09.2020 in der Berliner Burg Schnabel nachgeholt, Tickets dafür und die im Herbst 2020 anstehende Tour gibt’s hier. Und bis dahin könnt ihr euch noch eine Schwarzwälder Kirschtorte in ihrer natürlichen Umgebung anschauen:

Fotos: Massimiliano Corteselli

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picky Jule

Aloha, ich bin Jule und ziemlich picky. Und genau deswegen berichte ich hier mit viel Liebe über die Musik deines zukünftigen Lieblingskünstlers. Fasziniert, leidenschaftlich und immer frei raus :) #sendnoods